Transnationale Beziehungen

Federico Biasca, Universität Freiburg, 2023

Ausgehend von Überlegungen zu den bestehenden Vereinen oder Gruppen, die intellektuell oder institutionell mit der Bewegung der Muslimbruderschaft (MB) verbunden sind, geht es in diesem Artikel um die verschiedenen Arten von länderübergreifenden Beziehungen, die muslimische Organisationen in der Schweiz unterhalten können. Weit davon entfernt, starre Gebilde darzustellen, können diese Beziehungen unterschiedliche Formen annehmen und sich im Laufe der Zeit auch innerhalb der gleichen ideologischen Familie verändern.

Abkehr von einem überspitzt gezeichneten Bild des Transnationalismus

Transnationalismus kann definiert werden als eine Reihe von «dauerhaften Verbindungen zwischen Personen, Netzwerken und Organisationen über die Grenzen mehrerer Nationalstaaten hinweg, die wenig bis hin zu stark institutionalisierte Formen annehmen können» (Faist, 2000). Ferner kann zwischen persönlichen und institutionellen Verbindungen (betrifft die Beziehung eine oder mehrere Personen innerhalb der Organisation oder die Organisation als solche?), oder auch nach dem formellen oder informellen Charakter der Beziehung (handelt es sich um eine offizielle Verbindung, über die ein Protokoll geführt wird, oder eher um eine Gelegenheitsbeziehung?) unterschieden werden. Jede ernsthafte Forschung zu diesem Thema sollte von der Frage ausgehen, was ein transnationaler Zusammenhang genau ist und wie man ihn «messen» kann. An dieser Stelle muss betont werden, dass eine zu einem gegebenen Zeitpunkt bestehende Verbindung nicht unbedingt von Dauer sein muss. Mit anderen Worten: Eine solche Beziehung ist ihrem Wesen nach veränderbar.

Diese einleitenden Bemerkungen ermöglichen die Distanzierung von einem Mythos, der sich hartnäckig in der medienpolitischen Debatte hält: dem Glauben an die Existenz von Organisationen oder Ländern, die als allmächtig angesehen werden und in der Lage sein sollen, jede einzelne Handlung und Geste der in der Schweiz lebenden muslimischen Personen zu bestimmen. Eine Annahme, die durch das häufig gezeichnete Bild der MB als einer geheimen Entität, die Einzelpersonen und Organisationen manipulieren kann, verdeutlicht wird (Schmid, Trucco und Biasca, 2022).

Beziehungen zu Ländern und/oder Organisationen

Bei den muslimischen Organisationen der Schweiz lassen sich zwei Arten von transnationalen Beziehungen unterscheiden: zum einen die Verbindungen, die eine Organisation mit einem fremden Land knüpft und zum anderen die Verbindungen mit einer anderen Organisation (einer Bewegung, einer politischen Partei oder einem Netzwerk).

Zur ersten Kategorie gehören Beziehungen, die bestimmte Organisationen in der Schweiz mit staatlichen Stellen im Herkunftsland unterhalten, zum Beispiel die türkischen Zentren, die der Türkisch-Islamischen Stiftung für die Schweiz (TISS) angeschlossen sind. Bei solchen Organisationen wird die institutionelle Beziehung häufig vom Gastland anerkannt und die religiösen Verantwortliche werden vom Herkunftsland nach einem vom Bund genehmigten institutionellen Verfahren entsandt (Schmid und Trucco, 2019). Diese Verbindungen sind insofern offiziell, als die Organisationen mit Sitz in der Schweiz Verbindungen zu staatlichen Einheiten im Herkunftsland pflegen.

Andere muslimische Organisationen unterhalten Beziehungen zum Ausland, von wo aus ihre Projekte finanziell und symbolisch unterstützt werden. Im Gegensatz zur zuvor beschriebenen Beziehung wird diese zweite Verbindungsform, die je nach Fall mehr oder weniger offiziell ist, in der Regel von den staatlichen Instanzen des Aufnahmelandes infrage gestellt. Dies gilt insbesondere für die Beziehungen, die einige muslimische Organisationen in der Schweiz zu Ländern wie Katar, Kuwait oder Saudi-Arabien unterhalten oder in der Vergangenheit unterhalten haben und die zu Recht oder zu Unrecht verdächtigt werden, obskurantistische und radikale Versionen des Islams zu verbreiten. Diese Verbindungen können offizieller Natur sein und auf institutioneller Ebene angesiedelt sein, wie dies bei der «Islamischen Kulturstiftung Genf» und ihrer Beziehung zu den saudischen Machthabern der Fall ist (Schmid, Trucco und Biasca, 2022).

Bei der zweiten Art von Verbindung handelt es sich um diejenige, die eine in der Schweiz ansässige muslimische Organisation mit einer anderen Vereinigung verbindet. Zu dieser zweiten Kategorie gehören Bewegungen, politische Parteien oder Netzwerke wie die MB, die Tablighi, die al-Ahbasch oder auch Gruppen, die sich auf den Salafismus beziehen.

Transnationale Organisationen wie diese können ihrerseits enge Beziehungen zu Ländern pflegen oder auch relativ unabhängig von ihnen sein. Die Ausgestaltung der Verbindung dieser Organisationen mit einem oder mehreren Ländern kann sich im Laufe der Zeit ändern: Katar beispielsweise hat im Zuge des Arabischen Frühlings weltweit Organisationen unterstützt, die der Bewegung der Muslimbrüder nahestehen. Doch im Laufe der Zeit scheint diese Unterstützung etwas nachgelassen zu haben.

In der Schweiz gibt es mehrere muslimische Vereinigungen, die in irgendeiner Weise mit der einen oder anderen dieser transnationalen Organisationen verbunden sind (Schmid, Trucco und Biasca, 2022).

Die Komplexität des Transnationalismus anhand der Muslimbruderschaft in der Romandie aufzeigen

Bei der MB-Bewegung in der französischsprachigen Schweiz handelt es sich um ein interessantes Beispiel, mit welchem die Komplexität des Transnationalismus gut veranschaulicht werden kann.

Hassan al-Banna, Gründer der FM-Bewegung im Jahr 1928.

Die Bewegung wurde zunächst von Aktivisten getragen, die ab den 1950er und 1960er Jahren vor der Unterdrückung in ihren jeweiligen Heimatländern geflohen waren, insbesondere aus Ägypten und Syrien. Dieses Phänomen wiederholte sich in den 1990er Jahren mit Tunesien (Vidino und Altuna, 2021). Während diese Aktivisten Europa zunächst als Rückzugsort genutzt hatten, um ihre Aktivitäten in ihren Herkunftsländern fortzusetzen, änderte sich ihre Verankerung ab den 1980er Jahren (Amghar, 2009; Maréchal, 2009). Während nur eine Minderheit der Mitglieder damals weiterhin auf die Gründung islamischer Staaten in ihren Herkunftsländern hoffte, erkannte ein Grossteil der Aktivisten die Notwendigkeit, Projekte für die in Europa lebenden Musliminnen und Muslime zu entwickeln und begann deshalb, ein Netzwerk von Organisationen auf dem Kontinent aufzubauen (Maréchal 2009). Damit sollte in Europa die Entwicklung von etwas gefördert werden, was einige Aktivisten als muslimische Bürgerschaft bezeichnen (Amghar 2009; Maréchal 2009). Die 1994 gegründete Ligue des Musulmans de Suisse (LMS) scheint sich einem solchen Projekt angeschlossen zu haben, indem sie Mitglied der europäischen Organisation FOIE (Föderation Islamischer Organisationen in Europa) wurde. Aus dieser Vereinigung ging später der Council of European Muslims hervor (Schmid, Trucco und Biasca, 2022).

Andere in der Romandie ansässige Organisationen hingegen, die mehr oder weniger direkt vom Gedankengut der MB beeinflusst sind, scheinen sich nicht an einem solchen Unterfangen beteiligt zu haben.

Foto des Islamischen Zentrums Genf (CIG) im Jahr 2020.

Ein Beispiel dafür ist das Islamische Zentrum Genf (CIG), das von Said Ramadan, dem Schwiegersohn des Vordenkers der Bewegung Hassan El-Banna, gegründet wurde und heute von seinem Sohn Hani Ramadan geleitet wird. Dieser hatte aus seiner Sympathie für die Ideen seines Vaters bzw. Grossvaters nie einen Hehl gemacht. (Für einen historischen Überblick über das CIG siehe Rickenbacher, 2020.)

Zu nennen wäre hier auch das Ehepaar Karmous aus der Region Jura und Drei Seen-Land. Diese beiden Personen, die den französischen Kreisen der MB nahestehen, erhielten Geld von einer mit der katarischen Königsfamilie verbundenen Stiftung, der Qatar Charity Foundation, um Projekte und Zentren von La Chaux-de-Fonds über Lausanne bis nach Lugano zu finanzieren (Chesnot und Malbrunot, 2019). Mohammed Karmous wird übrigens oft als Gründer der LMS genannt, aber offenbar lässt sich keine direkte Verbindung zwischen der Qatar Charity und der LMS herstellen. Auch die Qatar Charity und das Islamische Zentrum Genf scheinen keine Beziehungen zu unterhalten.

Foto des Musée des Civilisations de l’Islam (MUCIVI) in La Chaux-de-Fonds. Dieses wurde 2016 eröffnet und soll mit Geldern von Qatar Charity aufgebaut worden sein © Patrice Schreyer

Während in allen drei Fällen die ideologische Ausrichtung mehr oder weniger derjenigen der Bewegung der MB entspricht, sind die entstandenen länderübergreifenden Beziehungen anders beschaffen: Die LMS ist Teil eines europäischen institutionellen Netzwerks, das Islamische Zentrum Genf unterhält eine direkte Verbindung zu Ägypten (besitzt dort auch ein Familienerbe), während das Ehepaar Karmous über eine Stiftung offenbar eine privilegierte persönliche Beziehung zu Katar hat. Wie diese Beispiele belegen, können in einer einzigen Bewegung und innerhalb der gleichen Sprachregion (hier die Romandie) ganz unterschiedliche transnationale Verbindungen vorkommen. Deshalb entsprechen sie bei weitem nicht dem etwas stereotypen Bild einer MB-Metaorganisation, die die Agenda der dieser «Galaxie» nahestehenden Organisationen und Einzelpersonen bestimmen soll.

Die Wandelbarkeit von Beziehungen berücksichtigen

Das Beispiel der MB in der Romandie zeigt, wie wichtig es ist, diese Verbindungen als Beziehungen zu betrachten, die Veränderungen unterliegen. Muslimische Akteure in der Schweiz (Einzelpersonen oder Organisationen) sind keine «Monolithen» und verfügen über eine Handlungsfähigkeit gegenüber anderen Ländern oder Organisationen. Akteure können innerhalb derselben ideologischen Familie Ziele verfolgen und Methoden anwenden, die sie je nach den jeweiligen soziohistorischen Umständen zum Unterhalt oder sogar Abbruch von Beziehungen veranlassen. Es ist deshalb nötig, sich von einer verknöcherten Sicht transnationaler Beziehungen zu lösen, um die muslimischen Akteure in ihrer Komplexität richtig einschätzen zu können.

Federico Biasca