Sozioreligiöse Daten

Musliminnen und Muslime in der Schweiz, religiös oder spirituell?

Mallory Schneuwly Purdie, Universität Freiburg, 2022

Seit 2014 dokumentiert das Bundesamt für Statistik (BFS) in seiner alle fünf Jahre stattfindenden Erhebung zur Sprache, Religion und Kultur (ESRK) die religiösen und spirituellen Praktiken der Bevölkerung in der Schweiz, indem es eine repräsentative Stichprobe von Befragten fragt, ob sie sich selbst als «sehr» oder «eher» religiöse oder spirituelle Person beschreiben oder im Gegenteil als «eher nicht» oder «überhaupt nicht» religiös oder spirituell.

Musliminnen und Muslime im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung

Im Durchschnitt bezeichnen sich die Befragten mehrheitlich als wenig bis gar nicht religiös oder spirituell. Tatsächlich antworteten 2019 61,4% der Befragten unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit, sie seien «eher nicht» (31,9%) und «überhaupt nicht» religiös (29,5%), eine Zahl, die seit 2014 stabil geblieben ist, als 63% diese Frage so beantworteten.

Wenn man diese Ergebnisse mit der Bevölkerung muslimischen Glaubens vergleicht, ergeben sich zwei wesentliche Feststellungen:

  1. Musliminnen und Muslime bezeichnen sich selbst als religiöser und spiritueller als die Gesamtbevölkerung. So bezeichnen sich 21,5% der Musliminnen und Muslime als «sehr» religiös und 40,6% als «eher» religiös. Im Vergleich wären die Musliminnen und Muslime in der Schweiz somit religiöser (62,1%) als die Gesamtbevölkerung (38,6%).
  2. Im Gegensatz dazu betrachten sie sich zu einem ähnlichen Anteil wie die Gesamtbevölkerung als spirituell: 42,5% der Muslime antworten in diesem Sinne, verglichen mit 41% der Gesamtbevälkerung.

Religiosität und Spiritualität mit oder ohne Zugehörigkeit zum l’islam

Quelle: BFS, ESRK 2019 / © SZIG/CSIS 2022

Vergleicht man die Musliminnen und Muslime mit Personen, die eine andere Religionszugehörigkeit angegeben haben, fällt ebenfalls auf, dass sie sich als religiöser erweisen (62,1%) als Katholikinnen und Katholiken (52,9%), Protestantinnen und Protestanten (40%), andere Christinnen und Christen (55,6%) und Angehörige anderer Religionen (55,8%). Sie sind hingegen weniger religiös als die Mitglieder der evangelikalen Kirchen (82,7%).

Religiosität und Spiritualität nach Religionszugehörigkeit

Quelle: BFS, ESRK 2019 / © SZIG/CSIS 2022

Musliminnen und Muslime halten sich ebenfalls für relativ spirituell (42,5%), ähnlich wie die Mitglieder anderer christlicher Gemeinschaften (44,6%) und in gewissem Masse auch wie die Katholikinnen und Katholiken (40,8%). Mit Ausnahme der Evangelikalen, die sich ebenfalls überwiegend als spirituell bezeichnen (60,8%), sind die Unterschiede bei der Spiritualität zwischen konfessionellen und nicht-religiösen Gruppen weniger ausgeprägt als bei der Religiosität.

Welche Unterschiede gibt es innerhalb der muslimischen Bevölkerung?

Innerhalb der Stichprobe bei der muslimischen Bevölkerung sind auch Unterschiede festzustellen. So zeigt sich beispielsweise, dass Frauen religiöser sind (69,2%) als Männer (57,5%), die ihrerseits angeben, etwas spiritueller zu sein (44,5%) als Frauen (39,5%).

Religiosität und Spiritualität nach Geschlecht

Quelle: BFS, ESRK 2019 / © SZIG/CSIS 2022

Interessant ist auch, dass junge Menschen (15-24 Jahre) sich im Durchschnitt als religiöser bezeichnen als die 25-44-Jährigen und die 45-65-Jährigen. Tatsächlich bezeichnet sich fast drei von vier Muslimin und Muslim im Alter von 15 bis 24 Jahren als «eher» bis «sehr» religiös, während es bei den Musliminnen und Muslimen im Alter von 25 bis 44 und 45 bis 64 Jahren nur jede und jeder Zweite bzw. rund 60% sind.

Schlussfolgerung

Obwohl mehr als ein Drittel der Musliminnen und Muslime in der Schweiz Schweizerinnen und Schweizer sind, haben gemäss den ESRK-Daten 2019 97% von ihnen einen Migrationshintergrund und 72% gehören der ersten Generation an (Roth und Müller, 2019, S. 9). Studien zeigen jedoch, dass die Religion häufig eine Ressource für die Migrationsbevölkerung bleibt und somit tendenziell für die Identitätsbildung von Personen mit Migrationshintergrund bedeutender ist als für Personen ohne Migrationshintergrund (Dahinden und Zittoun 2013, Schneuwly Purdie 2010). Darüber hinaus stellen der Stellenwert, den der Islam in den öffentlichen Debatten einnimmt, und die Feststellung einer gewissen «Rassifizierung» der sozialen Kategorie «Muslim» (Banfi 2021, Schneuwly Purdie 2017) ebenfalls Faktoren dar, aufgrund derer sich religiöse Identifikationsprozesse entwickeln können.

Schliesslich sei daran erinnert, dass Musliminnen und Muslime sich im Durchschnitt als religiöser bezeichnen als die nicht-muslimische Schweizer Bevölkerung, dass diese Zahlen aber nichts darüber aussagen, was es für sie bedeutet, sich als Muslimin oder Muslim zu bezeichnen, oder welche Bedeutung der Faktor Religion in ihrem Alltag hat. Andere Indikatoren, die sich auf Glaube und religiöse Praxis beziehen, ermöglichen es, ein noch vollständigeres und nuancierteres Bild der Musliminnen und Muslime zu präsentieren.

Woran glauben die Musliminnen und Muslime in der Schweiz?

Mallory Schneuwly Purdie, Universität Freiburg, 2022

Die alle fünf Jahre stattfindende Erhebung zur Sprache, Religion und Kultur (ESRK) des Bundesamtes für Statistik (BFS) befasst sich mit den sozioreligiösen Profilen der Bevölkerung der Schweiz. So hat sie Indikatoren entwickelt, die Auskunft über gläubige, agnostische und atheistische Personen geben. Die Analysen zeigen, dass die Schweizer Bevölkerung mehrheitlich dazu neigt, «an einen einzigen Gott» (40,1%) oder «an eine höhere Macht» (25,3%) zu glauben. Der Anteil der Agnostikerinnen und Agnostiker, die angeben, «nicht zu wissen, ob es einen oder mehrere Götter gibt, und nicht zu glauben, dass man das wissen kann», beträgt 17,9%, während der Anteil der Atheistinnen und Atheisten, die angeben, «weder an einen einzigen Gott noch an mehrere Götter noch an eine höhere Macht zu glauben», 15,1% beträgt. Ein Vergleich der Umfrageergebnisse von 2014 und 2019 zeigt, dass der Glaube an einen einzigen Gott nach wie vor am beliebtesten ist, aber in den letzten fünf Jahren um 6% zurückgegangen ist, während der Anteil der Agnostikerinnen und Agnostiker und Atheistinnen und Atheisten um fast 2% bzw. 4% gestiegen ist.

Glaube an einen einzigen Gott

Der Glaube an einen einzigen Gott ist besonders wichtig für Musliminnen und Muslime (92,3 %) und Mitglieder evangelikaler Kirchen (92,9 %). Auch für Katholikinnen und Katholiken (50,7%), Reformierte (39,7%) und Mitglieder anderer christlicher Gemeinschaften (68%) ist er der wichtigste Glaube. Anzumerken ist, dass auch 9,1 % der Personen ohne Religionszugehörigkeit angeben, an einen einzigen Gott zu glauben.

Wie aus der folgenden Grafik hervorgeht, sind Agnostizismus und Atheismus unter Musliminnen und Muslimen weniger verbreitet als unter Katholikinnen und Katholiken, Reformierten und Mitgliedern anderer christlicher Gemeinschaften.

Glaube an Gott oder eine höhere Macht, nach Religionszugehörigkeit

Und über Gott hinaus?

Welche anderen Glaubensformen gibt es unter den Musliminnen und Muslimen in der Schweiz? Die ESRK misst verschiedene Glaubensformen, darunter den Glauben an:

  • Ein Leben nach dem Tod
  • Engel oder übernatürliche Wesen, die über uns wachen
  • Eine höhere Macht, die unser Schicksal beeinflusst
  • Die Möglichkeit, wiedergeboren zu werden
  • Die Möglichkeit, mit den Geistern der Verstorbenen Kontakt aufzunehmen
  • Die heilenden oder hellseherischen Gaben gewisser Personen
  • Die Evolutionstheorie als schlüssigste Erklärung für die Entstehung des Menschen
  • Die Existenz einer anderen Wirklichkeit neben der materiellen Welt

Der Vergleich zwischen den Antworten von Personen, die sich als muslimisch bezeichnen, und der Gesamtbevölkerung, die befragt wurden, zeigt deutliche Unterschiede. Tatsächlich gibt es, wie in der folgenden Grafik zu sehen ist, signifikante Unterschiede in den Glaubensformen zwischen den beiden Gruppen, insbesondere in Bezug auf ein Leben nach dem Tod, Engel und Wesenheiten, die über uns wachen, und eine Form der Prädestination.

Verschiedene Glaubensformen im Vergleich zwischen muslimischer und Gesamtbevölkerung

Quelle: BFS, ESRK 2019 / © SZIG/CSIS 2022

Während also mehr als zwei Drittel der Musliminnen und Muslime (68%) «eher ja» bis «sicher ja» an ein Leben nach dem Tod glauben, antwortet weniger als die Hälfte der Gesamtbevölkerung in diesem Sinne. Noch auffälliger ist der Befund beim Glauben an Engel und übernatürliche Wesen: Die muslimischen Befragten glauben zu fast 69% daran, während sich weniger als die Hälfte der Gesamtbevölkerung in dieser Aussage wiederfindet (45,2%). Der Glaube an eine höhere Macht, die unser Schicksal beeinflusst, findet in der muslimischen Bevölkerung ebenfalls eine weitgehend positive Resonanz (72%), während es in der Gesamtstichprobe genau die Hälfte ist. Die Beliebtheit des Glaubens an einen einzigen Gott und der ersten drei Glaubensformen unter Musliminnen und Muslimen ist nicht überraschend, da sich alle vier auf eine der Säulen des islamischen Glaubens beziehen. Die sechs Grundpfeiler des islamischen Glaubens sind die Einheit Gottes, der Glaube an Gottes Propheten, seine Bücher, seine Engel, das Leben nach dem Tod, das Schicksal und das Jüngste Gericht.

Im Gegensatz dazu ähneln die Antworten der Musliminnen und Muslime denen der Gesamtbevölkerung, was den Glauben an eine Wiedergeburt, den Kontakt mit Geistern und in gewissem Masse auch die Existenz einer anderen als der materiellen Welt betrifft. Interessant ist auch, dass die Gesamtbevölkerung eher an Hellseherei und Heilung glaubt als Musliminnen und Muslime und dass der Glaube an die Evolutionstheorie in der Gesamtbevölkerung (55%) signifikant häufiger vorkommt als unter Musliminnen und Muslimen (27%).

Schlussfolgerung

Vorsichtig formuliert kann die Hypothese aufgestellt werden, dass diese Ergebnisse den Glauben an die Säulen des Islams widerspiegeln. Der Glaube an die Wiedergeburt kann als eine Infragestellung des Glaubens an ein Leben nach dem Tod in einem Jenseits verstanden werden; der Glaube an Geister, eine andere materielle Welt, Hellsehen und Heilen kann auch als ein Angriff auf das Prinzip der göttlichen Einheit gesehen werden. Diese Daten dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass fast ein Fünftel der Musliminnen und Muslime alternative Glaubensformen angibt, die nicht dem muslimischen Glaubensbekenntnis entsprechen. Damit wird einer gewissen Orthodoxie widersprochen und es werden Grenzen zu anderen Glaubensformen aufgeweicht.

Musliminnen und Muslime in der Schweiz – eine besonders religiöse Gemeinschaft?

Mallory Schneuwly Purdie, Universität Freiburg, 2022

Die alle fünf Jahre stattfindende Erhebung zur Sprache, Religion und Kultur (ESRK) des Bundesamts für Statistik (BFS) misst seit 2014 zwei Indikatoren der religiösen Praxis: den Besuch eines Gottesdienstes und die Häufigkeit des Betens. Die Ergebnisse der Erhebung 2019 zeigen, dass innerhalb von fünf Jahren der Besuch von Gottesdiensten in der Schweizer Bevölkerung generell abgenommen hat, dies insbesondere bei Personen von über 50 Jahren.

Teilnahme an Gottesdiensten niedriger als der Schweizer Durchschnitt

Betrachtet man die Ergebnisse der Umfrage 2019 für Personen muslimischen Glaubens, fällt auf, dass diese sich zwar im Durchschnitt als religiöser bezeichnen als Angehörige anderer Glaubensrichtungen, aber auch die Gruppe darstellen, die am seltensten an einem Gottesdienst teilnimmt. Wie aus der nachstehenden Grafik ersichtlich ist, liegt der nationale Durchschnitt der Personen, die nie einen Gottesdienst besuchen, bei etwa 34%, während fast 46% der Personen muslimischen Glaubens angaben, in den letzten 12 Monaten nie an einer gemeinsamen Feier teilgenommen zu haben.

Teilnahme an Gottesdiensten in den letzten zwölf Monaten, nach Religionszugehörigkeit

Dies lässt sich teilweise dadurch erklären, dass die wöchentliche kollektive Feier von Musliminnen und Muslimen am Freitag in der Mitte des Tages stattfindet (je nach Jahreszeit zwischen 12:15 und 13:45 Uhr). Es handelt sich also nicht um einen freien Tag und die Personen arbeiten häufig nicht in der Nähe eines Gotteshauses.

Umgekehrt, wenn man den wöchentlichen Besuch eines Gottesdienstes zwischen den Religionsgruppen vergleicht, stellt man diesmal fest, dass muslimische Personen über dem Schweizer Durchschnitt liegen und dass 13% von ihnen mindestens einmal pro Woche an einer gemeinsamen Feier teilnehmen, gegenüber 8,7% nationalen Durchschnitt. Musliminnen und Muslime sind auch die Konfessionsgruppe, in der der Unterschied zwischen der wöchentlichen Praxis von Männern und Frauen am signifikantesten ist: Während 18% der Männer angeben, mindestens einmal pro Woche einen Gottesdienst besucht zu haben, antworten nur 6% der Frauen in diesem Sinne. Dieser Unterschied lässt sich vor allem dadurch erklären, dass nach den meisten theologischen Strömungen die Teilnahme an der Predigt und am Freitagsgebet für Frauen zwar empfohlen, aber nicht verpflichtend ist.

Ein Trend zur Säkularisierung?

Die Umfrage untersuchte auch die Teilnahme an Gottesdiensten in der Kindheit. Die folgende Grafik zeigt einen deutlichen Rückgang der Teilnahme an religiösen Feiern der befragten Musliminnen und Muslime zwischen der Kindheit und 2019. Sie zeigt, dass nicht nur der Anteil der Musliminnen und Muslime, die ein- bis mehrmals pro Woche an einem Gottesdienst teilnahmen, von 23% auf 13% zurückging, sondern dass auch der Anteil derjenigen, die nie an einem Gottesdienst teilnahmen, von 33% auf 46% stieg.

Teilnahme an Gottesdiensten in der Kindheit verglichen mit der Teilnahme im Jahr 2019

Diese neue Tatsache kann auf zwei verschiedene Arten interpretiert werden. Zum einen kann sie darauf hindeuten, dass der Säkularisierungstrend auch für die gemeinschaftliche Praxis der muslimischen Bevölkerung gilt. Muslimische Frauen und Männer würden demnach ihre religiöse Zugehörigkeit individueller und losgelöster von den örtlichen religiösen Gemeinschaften zum Ausdruck bringen. Andererseits könnte dieser Rückgang auch auf die oft schwierige finanzielle und personelle Situation von Moscheevereinen sowie auf ihre schlechte örtliche Anbindung hinweisen, die die Ausübung der religiösen Praxis unter der Arbeitswoche oft erschwert.

Wie sieht es mit dem Gebet aus?

Die Praxis des Betens ist deutlich uneinheitlicher. Zwischen 2014 und 2019 ist die Zahl der Personen, die angeben, nie zu beten, gesunken. Von 40% im Jahr 2014 sind die Musliminnen und Muslime, die nie beten, auf 31% gesunken. Der Anteil der Personen, die angeben, mehrmals täglich oder (fast) täglich zu beten, blieb hingegen stabil bei etwa 30 %.

Häufigkeit des Betens in den letzten zwölf Monaten, nach Religionszugehörigkeit

Der Prozentsatz der Musliminnen und Muslime, die nie beten, entspricht damit in etwa dem Durchschnitt der anderen Glaubensgruppen (mit Ausnahme der Personen ohne Religionszugehörigkeit natürlich).

Ein Unterschied zwischen Männern und Frauen

Im Gegensatz zur kollektiven Praxis geben muslimische Frauen jedoch an, regelmässiger zu beten als muslimische Männer. Wie aus der folgenden Grafik hervorgeht, scheint die tägliche Gebetspraxis bei Frauen häufiger zu sein als bei Männern, wobei fast 35% der Frauen angeben, zwischen mehrmals täglich und (fast) täglich zu beten, während es bei den Männern nur etwa 27% sind.

Schlussfolgerung

Die Ergebnisse der ESRK zeigen, dass Musliminnen und Muslime entgegen einer weit verbreiteten Annahme ihre Religion mit einer vergleichbaren Regelmässigkeit praktizieren wie andere konfessionelle Gruppen in der Schweiz, insbesondere Katholikinnen und Katholiken, Angehörige anderer christlicher Gemeinschaften (insbesondere des orthodoxen Christentums) und Angehörige anderer Religionen (darunter Judentum, Buddhismus und Hinduismus). Sie gehören also weder zu den am meisten praktizierenden (Evangelikale) noch zu den am wenigsten praktizierenden (Konfessionslose und Protestanten). Sie teilen jedoch ähnliche Merkmale mit den Mitgliedern anderer Religionen mit Migrationshintergrund und dem Katholizismus, dessen Mitgliederschwund vor allem aufgrund der Zuwanderung aus Südeuropa (Italien, Spanien und Portugal) langsamer verläuft als der der Protestanten.

Einige Musliminnen und Muslime praktizieren ihre Religion sehr regelmässig und entsprechen einer gewissen Orthodoxie, die fünf Gebete pro Tag vorsieht. Andere beten nur einige Male pro Woche oder zu bestimmten rituellen Höhepunkten im Jahr (Ramadan, Feiertage, Hochzeiten, Beerdigungen), während die letzten nie Teil der individuellen oder kollektiven religiösen Praktiken sind.

Diese Artikel basieren auf den vom Bundesamt für Statistik (BFS) veröffentlichten Daten zur Erhebung zur Sprache, Religion und Kultur (ESRK). Die Daten für 2014 wurden aus den entsprechenden Veröffentlichungen des BFS übernommen. Die Daten für 2019 basieren einerseits auf den Publikationen des BFS, andererseits aber auch auf der Neukodierung und Analyse der Daten aus der Stichprobe zur Zugehörigkeit zu einer islamischen oder aus dem Islam hervorgegangen Gemeinschaft. Die Daten für 2019 basieren somit auf einer Stichprobe von 521 Personen, die angaben, einer islamischen Kultur oder Religion anzugehören, sowie von Personen mit einer alevitischen Religionszugehörigkeit.

Wir danken Vincent Nicoulin für seine Arbeit an den Quellendaten sowie Maïk Roth vom BFS für seine sachkundigen Ratschläge und das Korrekturlesen.

Salafismus – ein vielfältiges Phänomen

Silvia Martens, Andreas-Tunger-Zanetti, Jürgen Endres, Universität Luzern, 2023

Mit «Salafismus» oder Salafiyya wird eine konservative, am Koran und den Überlieferungen des Propheten Muhammad ausgerichtete Strömung des Islam bezeichnet, die unter anderem durch eine wörtliche Auslegung der religiösen Quellen, ein dichotomes Weltbild und eine aktive Missionstätigkeit gekennzeichnet ist. Über diese Kennzeichnung hinaus bleibt der Begriff sowohl in wissenschaftlichen als auch in medialen und politischen Diskussionen oft diffus und wird bisweilen unpassend mit Begriffen wie Wahhabismus, Dschihadismus, Islamismus oder politischer Islam vermengt oder gleichgesetzt. Obwohl Salafismus in der Schweiz eine Randerscheinung ist, hat der Begriff besonders im Zeitraum von 2009 bis 2018 im Zuge der Berichterstattung über religiöse Radikalisierung und islamisch begründeten Extremismus viel öffentliche Aufmerksamkeit erhalten.

Erst gegen 2020 begannen sich Forscherinnen und Forscher empirisch dem Salafismus in der Schweiz zu widmen. Das Folgende orientiert sich an der jüngsten und umfangreichsten Darstellung unter diesen Studien, die sich empirisch allerdings auf die Deutschschweiz beschränkt (Endres et al. 2023), da Kontakte und Vernetzungen in den Salafi-Milieus ihrer Beobachtung nach nur selten die innerschweizerischen Sprachgrenzen überschreiten. Gemeinsam ist den jüngeren Studien, dass sie sich den vielfältigen Erscheinungsformen von Salafiyya, den gesellschaftlichen Positionierungen von Salafis in der Schweiz sowie den Dynamiken innerhalb dieses religiösen Spektrums aus kultur- und sozialwissenschaftlichen Perspektiven nähern und nicht Sicherheitsfragen oder Radikalisierung in den Mittelpunkt stellen. So konzentriert sich die Studie von Amir Sheikhzadegan (2020) auf biographische Verläufe, Mira Menzfeld (2021, 2022) auf die Lebenswirklichkeit und Partnerschaftsbeziehungen im Salafi-Milieu.

Wer ist ein Salafi?

Sprachlich ist die Bezeichnung Salafi abgeleitet von «as-salaf-aṣ-ṣāliḥ», den «frommen, tugendhaften Altvorderen» aus der Generation des Propheten Muhammad sowie den zwei unmittelbar folgenden Generationen. Eine Herausforderung besteht für die Forschung zur heutigen Salafiyya stets in der Abgrenzung des Feldes. Die Übergänge zu anderen islamischen Strömungen neo-konservativer oder fundamentalistischer Prägung sind fliessend. Personen, die von Dritten als «Salafi», «Wahhabi», «Muslimbruder» usw. bezeichnet werden, lehnen diese Benennung oft ab. Auch die Abgrenzung zu einem konservativen sunnitischen Mainstream ist nicht einfach, da die Salafiyya in vielem etablierte islamische Vorstellungen aufgreift, diese dann aber oft auf eigene Weise akzentuiert oder auslegt. Das Luzerner Forschungsteam ordnet daher Akteur:innen (Personen, Institutionen) oder einen Diskurs nur dann der Salafiyya zu, wenn von verschiedenen Kriterien eine Mehrheit im Einzelfall zutrifft. Zu den Kriterien gehören der ständige Bezug auf den Koran, die Sunna und as-salaf-aṣ-ṣāliḥ, das Anprangern von bidaʿ (Neuerungen in Glaubenslehre oder -praxis), ein wortgetreues Verständnis der Quellen, eine dichotome Weltsicht, das Beharren auf einer ‹rationalen› und schriftbasierten Herleitung jeglicher Argumente und die Bedeutung der daʿwa (‹Einladung› zum Islam, Mission).

Klein, heterogen und dynamisch

Legt man diese Arbeitsdefinition zugrunde, so umfasst das gesamte Spektrum der Salafiyya in der Deutschschweiz geschätzt zwischen rund 400 und 1100 Personen. Diese verteilen sich auf mehrere ‹Cluster›, die je ihr eigenes Profil haben und sich mitunter explizit voneinander abgrenzen.

Ein Cluster hat sich um Studenten der Islamischen Universität Medina formiert und orientiert sich an den Lehrinhalten und am Diskurs der von anderen so genannten Madḫaliyya, einer Richtung mit Zentrum in Saudi-Arabien (benannt nach dem 1933 geborenen Gelehrten Rabīʿ b. Hādī al-Madḫalī). Dieses Cluster ist überwiegend apolitisch und verlangt Loyalität gegenüber dem Staat. Anhänger:innen dieser Richtung konzentrieren sich auf den Erwerb islamischen Wissens und die persönliche religiöse Praxis.

Ein zweites Cluster gruppiert sich rund um den Kern aktiver Mitglieder des Islamischen Zentralrats (IZR, vormals Islamischer Zentralrat Schweiz, IZRS). Es zeichnet sich durch eine starke Ausrichtung auf die Schweizer Politik und Gesellschaft aus, legt sich in dogmatischen und islamrechtlichen Fragen aber oft nicht fest. Von den zahlreichen Passivmitgliedern des IZR dürfte jedoch nur ein Teil enger an der Salafiyya orientiert sein.

Ein extremistisches Cluster lässt sich nur ansatzweise ausmachen. Durch Gerichtsverfahren und journalistische Recherche erkennbar ist eine Gruppe rund um ehemalige Besucher der An-Nur-Moschee in Winterthur [evtl. nochmals Link/Rückbezug auf Text zu «Radikalisierung»]. Über ihre weltanschauliche Ausrichtung ist aktuell nur wenig Konkretes bekannt.

Einzelne Salafis und Gruppen verorten sich auch zwischen diesen drei Hauptclustern, nähern sich diesen an oder distanzieren sich über die Zeit von ihnen. Das Feld ist sehr dynamisch – es entstehen und verschwinden schnell wichtige Akteur:innen.

Wie lässt sich diese Dynamik und Schnelllebigkeit erklären? Die Salafiyya ist vor allem, aber nicht ausschliesslich, für Jugendliche und junge Erwachsene attraktiv, die in ihr Bedürfnisse wie etwa nach Identität, Orientierung oder Gemeinschaft erfüllt sehen. Häufig kommt es zu Distanzierungen oder expliziten Abwendungen, wenn sich die Bedürfnisse im Laufe biographischer Prozesse verändern.

Salafiyya – kein Ort für Frauen?

Frauen mögen für Aussenstehende weniger sichtbar sein, es gibt sie aber in allen Clustern der Salafiyya in der Deutschschweiz. Sie bewegen sich – mit Ausnahme der IZR-Frauen – stärker in informellen Gruppen im privaten oder halb-privaten Bereich. Es gibt auch reine Frauengruppen, deren Mitglieder sich teilweise bevorzugt im virtuellen Raum treffen, weil sich dies mit den Pflichten der Frauen in Haushalt und Familie besser vereinen lässt.

Obwohl Frauen im Salafi-Milieu weniger zahlreich sind als Männer, gehen auch unter ihnen die Vorstellungen, wie ein frommes Leben in der Schweiz aussehen soll, auseinander. Mira Menzfeld hat dies am Beispiel der Vorstellungen zur Frage der Polygynie (Ehe eines Mannes mit mehr als einer Frau) empirisch anschaulich gezeigt (2022).

Salafis, Staat und Gesellschaft

Die vom Luzerner Forschungsteam befragten Salafis schätzen im Allgemeinen zwar die wirtschaftliche Sicherheit und Rechtsstaatlichkeit in der Schweiz, nehmen das gesellschaftliche Klima und die Schweizer Politik aber als sehr ablehnend gegenüber praktizierenden Muslimen wahr und erleben im Alltag Herausforderungen am Arbeitsplatz, in der Schule oder bei Freizeitaktivitäten. Einige erwägen deshalb die Auswanderung (hiǧra) in eine «muslimische» Gesellschaft.

Weder die Orientierung an Vorstellungen der Salafiyya allgemein noch der Wunsch auszuwandern sind jedoch an sich schon als «Radikalisierung» im Sinn einer gefährlichen Nähe zu Gewaltsympathien zu deuten. Nur in Ausnahmefällen und nur in Verbindung mit weiteren Faktoren müssen Salafis als radikalisiert oder extremistisch eingestuft werden. In diesen Fällen können Ursachen und Verlauf sehr unterschiedlich sein, nicht immer besteht ein Bezug zu religiösen Überzeugungen [vgl. Beitrag «Radikalisierung»]. In der Studie des Luzerner Forschungsteams wurden Fälle beleuchtet, bei denen u.a. etwa eine hohe Gewaltaffinität, die eigene Perspektivlosigkeit und das Bedürfnis, Grenzen auszutesten, hinter den Radikalisierungen standen (Endres 2022).

Zusammenfassend lässt sich sagen: Salafis zeichnen sich durch ihr Bestreben aus, auch in Details des Alltags dem Lebenswandel des Propheten Muhammad und seiner Anhängerschaft zu folgen. Sie positionieren sich dadurch in einem gewissen Sinn abseits der Gesellschaft wie auch der grossen Mehrheit der Musliminnen und Muslime in der Schweiz. Auch zahlenmässig sind sie ein Randphänomen.

Literatur

Logvinov, Michail (2017). Salafismus, Radikalisierung und terroristische Gewalt. Erklärungsansätze – Befunde – Kritik.Wiesbaden: Springer VS.

Nedza, Justyna (2014). « ‹Salafismus› – Überlegungen zur Schärfung einer Analysekategorie». In: Behnam T. Said; Hazim Fouad (Hg.): Salafismus. Auf der Suche nach dem wahren Islam. Freiburg im Breisgau: Herder, S. 80–105.

Schmid, Hansjörg; Trucco, Noemi; Biasca, Federico (2022). Swiss Muslim communities in transnational and local interactions: Public perceptions, state of research, case studies. SZIG/CSIS-Studies 7, 2022.