Wenn das Freitagsgebet auf den Schweizer Alltag trifft. Aushandlungsprozesse im Spannungsfeld zwischen Religion und Gesellschaft

Freitagmittag in einer Schweizer Stadt. Während der Alltag weiterläuft, verlassen Menschen ihre Arbeitsplätze, Studierende kommen zwischen zwei Veranstaltungen, Schüler:innen  finden nach dem Unterricht den Weg zur Moschee, andere erreichen den Gebetsraum aus umliegenden Quartieren oder direkt vom Bahnhof. Innerhalb kurzer Zeit füllen sich Räume, Schuhe werden geordnet, Gebetsreihen entstehen und die Gemeinde richtet sich auf die Predigt und das gemeinsame Gebet aus.  Das Freitagsgebet findet statt. Die Predigt muss deshalb religiös gehaltvoll sein, aber auch zeitlich tragfähig und auf eine Gemeinde bezogen, die in sich vielfältig ist. Ebenso spielt die Sprache eine besondere Rolle. Manche verstehen Deutsch besser, andere Französisch, Italienisch, Bosnisch, Albanisch, Türkisch, oder Arabisch. Einige sind religiös, andere suchen vor allem Orientierung, Zugehörigkeit oder einen Moment der Sammlung im Alltag. Ein anderer erheblicher Teil der Muslim:innen in der Schweiz besucht das Freitagsgebet hingegen gar nicht oder nur unregelmäßig.

Dieser Artikel geht am Beispiel des Freitagsgebets (arab. dschumʿa) der Frage nach, wie islamische Praxis in einer pluralen Gesellschaft konkret Gestalt gewinnt. Im Zentrum steht dabei Tadabbur als vertieftes Nachdenken über Sinn, Ziel und Folgen religiöser Texte. Die dschumʿa zeigt, dass das, was als islamisch gilt, weder allein durch die Nennung einer Norm noch durch bloße Anpassung an äußere Umstände entsteht. Es bildet sich in einem Aushandlungsprozess, in dem Quelle, Tradition, Gemeindebedarf und konkrete Lebenswirklichkeiten zusammengeführt werden. Das Zusammenkommen in der Gemeinde hat auch einen theologischen Hintergrund. Um zu verstehen, warum diese Praxis einen verbindlichen Kern besitzt, muss zunächst die religiöse Grundlage des Freitagsgebets in den Blick genommen werden.

Die religiöse Grundlage und der Schweizer Alltag

Die religiöse Grundlage des Freitagsgebets liegt zunächst in der koranischen Aufforderung von Koran 62:9:

„O ihr, die ihr glaubt! Wenn am Freitag zum Gebet gerufen wird, dann eilt zum Gedenken Gottes und lasst den Handel ruhen. Das ist besser für euch, wenn ihr nur wüsstet.“ (Koran 62:9)

In diesem Vers werden die Gläubigen dazu aufgerufen, beim Ruf zum Freitagsgebet zum Gedenken Gottes zu eilen und den Handel ruhen zu lassen. Die dschumʿa erscheint als etwas, die den gewöhnlichen Ablauf des Tages unterbricht und die Gemeinde zu einem gemeinsamen gottesdienstlichen Moment versammelt. Bereits der Begriff verweist auf dieses Moment des Zusammenkommens (Zuhayli 1990 Bd. 2, S. 408). Sie ersetzt am Freitag für die Teilnehmenden das gewöhnliche Mittagsgebet und wird innerhalb dieses Zeitraums verrichtet (Döndüren 1987, S. 9). In mehrheitlich muslimisch geprägten Ländern wird sie häufig unmittelbar nach Eintritt der Mittagszeit verrichtet. Der Freitag ist dort sozial und religiös deutlicher auf das Freitagsgebet hin geordnet.Bereits in der klassischen Tradition ist die Pflicht zum Freitagsgebet abgestuft und gilt nicht in gleicher Weise für Reisende, Kranke, Frauen oder Kinder (Zuhayli 1990). Nichtteilnahme ist daher auch in Teilen selbst Bestandteil der normativen Ordnung.

In der Schweiz trifft diese religiöse Grundlage auf einen Alltag, der am Freitag gewöhnlich weiterläuft. Viele Muslim*innen können sie nur in einem engen Zeitfenster wahrnehmen. Diese Spannung beschreibt auch Youssef Sbai für europäische Kontexte. Ein Prediger bringt diese Verdichtung prägnant auf den Punkt, wenn er sagt, die Zeit sei „heilig“ geworden (Sbai 2019, S. 10).

Die SwissMosque-App zeigt, wie solche Fragen organisatorisch bearbeitet werden. Im Umfeld der Föderation Islamischer Dachorganisationen Schweiz (FIDS) werden Gebetszeiten digital zugänglich gemacht und stärker vereinheitlicht. Solche digitalen Hilfen erleichtern Orientierung, ersetzen aber die lokale Verantwortung der Gemeinde nicht. So bietet die bosnische Gemeinde in Zürich während der Sommerzeit ein zusätzliches Freitagsgebet vierzig Minuten vor dem ʿAṣr-Gebet an. Das Forum des Orients in Zürich weist wiederum ein Freitagsgebet an anderen Uhrzeiten (FIDS 2026; Dzemat der islamischen Gemeinschaft Bosniens Zürich 2026).  Ähnliche Dynamiken lassen sich auch in kleineren Städten denken, in denen viele Gemeindemitglieder in einem bestimmten Betrieb arbeiten. Hier kann sich eine Moschee teilweise an lokalen Schichtzeiten orientieren. In größeren Städten und Ballungsräumen variieren die Zeiten verschiedener Moscheen, sodass Betende je nach Mittagspause, Arbeitsweg, Studienplan oder familiärer Situation eine passende Möglichkeit finden. Diese zeitliche Vielfalt ist ein Versuch der Gemeinden den Alltag der Menschen mit den religiösen Pflichten in Einklang zu bringen. Daraus entsteht ein gewisses Aushandlungspotenzial, weil Gemeinden nach Formen suchen, in denen die religiöse Pflicht ernst genommen und zugleich unter den Bedingungen des Schweizer Alltags praktisch lebbar wird.

Tadabbur und Aushandlung

Die rituelle Form des Freitagsgebets und seine formalen Regeln sind in der islamisch-theologischen Tradition behandelt worden. Doch eine konkrete Gemeinde muss darüber hinaus klären, wie diese Praxis unter ihren Bedingungen vollzogen werden kann. Wann beginnt die Predigt? Wie lang darf sie dauern, wenn viele Teilnehmende in der Mittagspause kommen? Welche Sprache erreicht die Gemeinde? Reicht ein Gebetsangebot aus oder braucht es ein weiteres? Wie werden die Zeiten so kommuniziert, dass Arbeitende, Schüler*innen, Studierende, Pendler*innen und ältere Gemeindemitglieder:innen sich daran orientieren können? Nach welchen Kriterien gilt eine konkrete Lösung als islamisch verantwortbar?

Theologisch sind solche Fragen bedeutsam, weil sie darüber entscheiden, ob eine religiöse Pflicht im Leben der Gemeinde tatsächlich ankommt. Eine zu starre Durchführung kann dazu führen, dass viele Menschen ausgeschlossen bleiben. In diesem Sinn ist „islamisch“ kein bloßes Etikett. Aushandlung bezeichnet den Prozess, in dem religiöse Verbindlichkeit, Gemeindebedarf und praktische Umsetzbarkeit zusammengeführt werden.

An dieser Stelle gewinnt der Begriff Tadabbur besondere Bedeutung. Tadabbur meint im islamisch-theologischen Sinn eine vertiefte Bewegung des Verstehens. Sie fragt danach, worauf eine religiöse Aussage zielt, wie sie in das Ganze der Offenbarung eingebunden ist und welche Orientierung sie für das Leben der Gläubigen eröffnet. Sie fragt danach, welche Form dem Sinn der dschumʿa unter ihren Bedingungen am besten dient.

„Ein gesegnetes Buch, das Wir zu dir hinabgesandt haben, damit sie über seine Verse nachdenken und damit diejenigen, die Verstand besitzen, sich besinnen.“ (Koran 38:29)

In der klassischen Exegese wird diese Bewegung als ein Verstehen beschrieben, das über die Oberfläche des Textes hinausgeht und seine innere Ordnung wahrnimmt.

Auf das Freitagsgebet bezogen bedeutet das: Die koranische Aufforderung in Koran 62:9 bleibt der Ausgangspunkt. Das Freitagsgebet ist als religiöse Praxis verbindlich und besitzt ihren festen Ort im Freitags- und Mittagsgebetsrhythmus. Tadabbur beginnt dort, wo diese in jede Situation übertragen wird.  So erklärt sich, warum dieselbe religiöse Grundlage zu unterschiedlichen, aber begründbaren Praxisformen führen. Eine Gemeinde bietet ein weiteres Freitagsgebet an, eine andere verkürzt die Predigt, eine dritte arbeitet mit mehreren Sprachen oder digitalen Gebetszeiten. Sie zeigen, dass islamische Praxis seine Sinnrichtung bedacht und die konkrete Lebenswirklichkeit der Gemeinde verantwortet einbezogen wird (Rahman 1989, S. v; Kanik 2008, S. 249; Kutluer 1994, S. 53–57.) Solche Unterschiede zeigen, dass dieselbe religiöse Grundlage in verschiedenen sozialen Situationen verantwortet werden muss. Tadabbur hilft, diese Vielfalt sichtbar zu machen, dass sie tragfähig wird.

Religiöse Orientierung im gelebten Alltag

Das Freitagsgebet zeigt in besonderer Weise, wie islamische Normen ausgehandelt werden. Im Schweizer Kontext wird sichtbar, dass diese Praxis nicht losgelöst von den Lebensbedingungen der Menschen verstanden werden kann.

Tadabbur gibt dieser Verantwortung ihre theologische Tiefe. Er erinnert daran, dass religiöse Texte nicht als starre Schablonen in jede Situation übernommen werden. Ihr Sinn muss bedacht, ausgelegt und mit Blick auf die Folgen verantwortet werden. Beim Freitagsgebet bedeutet dies, die koranische Aufforderung ernst zu nehmen und zugleich zu fragen, welche Form der Durchführung dem Sinn des Freitagsgebets unter konkreten Bedingungen am besten dient. Das Freitagsgebet zeigt damit Woche für Woche, wie dies miteinander verbunden werden, dass religiöse Orientierung für Menschen tatsächlich lebbar wird.

Zur gelebten Wirklichkeit gehört auch, dass nicht alle Muslim:innen am Freitagsgebet teilnehmen. Die muslimische Bevölkerung der Schweiz ist religiös heterogen. Wie das Schweizerische Zentrum für Islam und Gesellschaft betont, leben und praktizieren Muslim*innen in der Schweiz ihre Religion auf sehr unterschiedliche Weise, womit auch diese Heterogenität Teil des Aushandlungsprozesses ist.

Bibliografie
Literatur
Avatar-Foto

Ibrahim Koçyiğit

Ibrahim Koçyiğit ist Seniorforscher am Schweizerischen Zentrum für [glossary_exclude]Islam[glossary_exclude] und Gesellschaft der Universität Freiburg und promovierter islamischer Theologe. Seine Arbeit verbindet Islamische Systematische Theologie, Religionswissenschaft und Islamische Religionspädagogik. Nach seiner Dissertation zum religiösen Pluralismus im islamisch-theologischen Diskurs steht im Zentrum seiner aktuellen Forschung die Frage, wie muslimische Akteur*innen Wahrheit, Pluralität und Verantwortung theologisch deuten und aushandeln.

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …