Zwischen Pflege, Spiritualität und Familie. Mediation der muslimischen Seelsorge am Universitätsspital Genf (Hôpitaux universitaires de Genève, HUG)
In Zusammenarbeit mit Dia Khadam al-Jamé, Ratiba Dina, Omar Seck und Ender Demirtas, Muslimische Seelsorge Genf.
Seit über zwanzig Jahren engagieren sich muslimische Freiwillige in Schweizer Spitälern, um Patientinnen und Patienten muslimischen Glaubens und/oder muslimischer Herkunft spirituelle Begleitung anzubieten. Diese Einsätze, die oft auf Anfrage und auf freiwilliger Basis erfolgen, werden vom Personal aus Medizin und Pflege weitgehend als unverzichtbar anerkannt. Studien, die in der Schweiz zu diesen Erfahrungen durchgeführt wurden, zeigen, dass muslimische Seelsorger:innen die (traditionell ökumenischen) Seelsorgeteams der Institutionen durch ihre spezifischen Kompetenzen in der interkulturellen und interreligiösen Mediation ergänzen (Lang et al., 2019; Schneuwly Purdie & Robinson, 2025; Sheikhzadegan & Schmid, 2025; Uçak-Ekinci, 2023). Tatsächlich bringen sie fundierte Kenntnisse der muslimischen Kulturen in ihrer geografischen, sprachlichen, theologischen und sozialen Vielfalt mit und beherrschen gleichzeitig die Codes des medizinischen Umfelds.
Ausgehend von einer von Juli 2024 bis Februar 2025 im Universitätsspital Genf (HUG) durchgeführten Feldstudie, analysiert dieser Artikel einen Aspekt der Arbeit der Seelsorger:innen der Muslimischen Seelsorge Genf (AMG). Er widmet sich einer Beschreibung ihrer Einsätze in der kulturellen und religiösen Mediation und veranschaulicht, wie diese Arbeit zur institutionellen Qualität der Pflege beiträgt. Die gesammelten Daten (31 halbstrukturierte Interviews mit Seelsorger:innen und Pflegepersonal sowie 15 Beobachtungen von Begleitungen in verschiedenen Abteilungen) zeigen, dass die muslimischen Seelsorger:innen des HUG regelmässig in Situationen hinzugezogen werden, in denen medizinische, familiäre und religiöse Aspekte miteinander verflochten sind. Ihre Einsätze finden daher oft in kritischen Momenten statt, wie z. B. bei einem Therapieabbruch, einer Organspende, Uneinigkeit über Bestattungsriten oder Unstimmigkeiten zwischen einem Patienten oder seiner Familie und dem Pflegepersonal. In diesen heiklen Kontexten bietet die muslimische Seelsorge einen Raum des Zuhörens, in dem alle in ihrer eigenen Sprache angehört werden können, sei es im Glauben, in medizinischen Fragen oder in emotionalen Beziehungen.
Die Umfrage zeigt zwei Hauptkontexte für kulturelle und religiöse Mediation auf: solche, die mit Spannungen innerhalb der Familie einhergehen, und solche, die durch Missverständnisse zwischen Patientinnen und Patienten, ihren Angehörigen und dem Pflegepersonal gekennzeichnet sind.
Familieninterne Mediationen
Der erste Bereich der Mediation betrifft Spannungen, die innerhalb von Familien entstehen können, insbesondere in Situationen am Lebensende. Solche Momente, in denen Emotionen, familiäre Verpflichtungen und religiöse Überzeugungen miteinander verflochten sind, können das Gleichgewicht in Beziehungen gefährden und die Kommunikation erschweren. Im HUG werden muslimische Seelsorger:innen regelmässig auf Wunsch des Pflegepersonals hinzugezogen, um diese angespannten Momente zu entschärfen. Ihre Aufgabe besteht darin, die Familien in diesen Momenten der Verletzlichkeit zu begleiten und dabei die religiösen Normen der Familie, die Altershierarchien und die damit verbundenen emotionalen Geschichten zu berücksichtigen. Ein in einem Interview geschildertes Beispiel veranschaulicht konkret die Bedeutung dieser Mediationen. Als eine Seelsorgerin zu einer Patientin gerufen wird, die im Sterben liegt, sieht sie beim Eintreffen den Ehemann, der zum Islam konvertiert ist, vor dem Zimmer. Er weint und wird von den Brüdern der Patientin auf Distanz gehalten. Diese zweifeln an der Aufrichtigkeit des Glaubens ihres Schwagers und befürchten, dass seine Anwesenheit die spirituelle Reinheit des Ortes im Moment des Todes beeinträchtigen könnte. Durch Zuhören und Gespräche gelingt es der Seelsorgerin nach und nach, die Sichtweise zu verändern und dafür zu sorgen, dass die Brüder die Integrität des Ehemanns anerkennen. Nach einem langen Gespräch erhält sie ihre Zustimmung, dass er das Zimmer betreten darf. Sie begleitet ihn zum Bett seiner Frau, ermutigt ihn, mit ihr zu sprechen, ihre Hand zu halten und sie mit ihrem Kosenamen anzusprechen. Obwohl die Patientin sediert ist, fliessen Tränen aus ihren Augen, als sie ihrem Mann zuhört. Die Seelsorgerin bittet die Angehörigen, sich um das Bett zu versammeln, um ein gemeinsames Versprechen abzugeben: sich nach dem Tod um den Ehemann und die Kinder zu kümmern. Dieses Ritual lindert die Spannungen in der Gruppe, und kurz darauf stirbt die Patientin im Kreise ihrer Angehörigen.
Auch andere Situationen, wie Versöhnungen zwischen zerstrittenen Angehörigen, Streitigkeiten um eine Erbschaft oder die Weigerung, ein Kind am Sterbebett eines Elternteils zuzulassen, beschäftigen die Seelsorgerinnen und Seelsorger. In all diesen Konstellationen besteht die Aufgabe der Seelsorge darin, einen Raum für einen letzten Austausch oder einen friedlichen Abschied zu schaffen. Diese Einsätze zeigen, dass die Mediationsarbeit der muslimischen Seelsorge über den rein religiösen Bezug hinausgeht: Sie trägt zur Qualität der Pflege bei, indem sie die Patientinnen und Patienten unterstützt und gleichzeitig ein offenes Ohr für die Bedürfnisse der Familie hat.
Mediationen an der Schnittstelle zur Pflege
Der zweite Kontext der Mediation betrifft die Beziehungen zwischen den Patientinnen und Patienten und/oder ihren Angehörigen und den Pflegeteams. Diese Interaktionen, die manchmal von kulturellen oder religiösen Missverständnissen geprägt sind, erfordern ein Verständnis für die Werte und Erwartungen beider Seiten. In solchen Situationen kann die Seelsorge als dritte Instanz fungieren, in der medizinische und religiöse Logiken übersetzt und für alle verständlich gemacht werden können.
Spannungen entstehen meist durch Missverständnisse oder unterschiedliche Bedürfnisse im Umgang mit Krankheit, Leiden oder Tod. Bestimmte Situationen, wie etwa ein Therapieabbruch, können von Angehörigen als Zeichen dafür wahrgenommen werden, dass die Ärzteschaft «aufgibt» und nicht mehr alles daransetzt, ihre angehörige Person zu retten. Dieses Gefühl des Rückzugs kann als Verstoss gegen das religiöse Prinzip empfunden werden, dass allein Gott über den Zeitpunkt des Todes entscheidet. Eine solche Situation kann bei den Angehörigen zu spiritueller Not führen: Sie befürchten, dass eine solche medizinische Massnahme, eine solche Entscheidung als religiöser Verstoss angesehen wird und das Urteil Gottes über das Schicksal ihrer angehörigen Person beeinträchtigt. In diesem Zusammenhang übernehmen Seelsorger:innen eine kulturelle und religiöse Vermittlerrolle, indem sie die medizinischen Argumente in einer verständlichen, in der islamischen Tradition verankerten Sprache neu formulieren und gleichzeitig daran erinnern, dass die Linderung von Leiden und die Akzeptanz der Endlichkeit mit dem Glauben vereinbar sein können.
Die Kontroversen um die Organspende sind ein weiteres heikles Wirkungsfeld. Wenn ein hirntotes Kind als Spender in Betracht kommt, sind die Emotionen und die symbolische Belastung immens. Der Seelsorger nimmt sich dann Zeit, um die Eltern bei ihrer Entscheidungsfindung zu begleiten, indem er beispielsweise auf die prophetische Figur Abrahams (von dem Gott seinen Sohn als Opfer verlangte) und den spirituellen Wert der Spende verweist. Indem er diese Entscheidung als Sadaqa, als eine auf das Leben ausgerichtete Geste der Grosszügigkeit, darstellt, hilft er den Eltern, diese Entscheidung aus einer Perspektive zu betrachten, die mit ihrem Glauben vereinbar ist. Wenn Familien sich gegen eine Organspende entscheiden, trägt die Anwesenheit des Seelsorgers dazu bei, dass die Entscheidung verstanden und ohne Schuldgefühle akzeptiert wird.
Andere Mediationen betreffen die tägliche Pflege. Das Tragen eines Kopftuchs kann beispielsweise zu Vorbehalten führen, wenn es aus medizinischen Gründen abgelegt werden muss. Die Seelsorgerinnen und Seelsorger erklären dem Pflegepersonal, dass diese Geste für manche Patientinnen mit Schamgefühl und körperlicher Würde zu tun hat, dass das Kopftuch aber manchmal auch einen spirituellen Hintergrund hat. Das Bedecken der Haare wird als Akt des Respekts gegenüber Gott angesehen, und das Abnehmen des Kopftuchs kann die Angst hervorrufen, Gott zu missfallen. In solchen Situationen suchen Seelsorgerinnen und Seelsorger gemeinsam mit den Pflegeteams nach konkreten Lösungen, um Schamgefühl, die Beziehung zu Gott und medizinische Zwänge möglichst unter einen Hut zu bringen. Das Bedecken der Haare mit einer OP-Haube oder das Ablegen des Kopftuchs auf dem Kopfkissen ermöglicht es den Patientinnen, das Gefühl zu bewahren, im Einklang mit dem zu handeln, was sie vor Gott für richtig halten. Diese oft diskreten Anpassungen zeugen von Rücksichtnahme auf die spirituelle Erfahrung und erleichtern die Arbeit der Teams.
Schliesslich entstehen gewisse Spannungen durch eine Diskrepanz zwischen kulturellen Praktiken und Spitalprotokollen. Familien möchten manchmal ihre eigenen Heilmittel mitbringen, Gebete sprechen oder religiöse Gesänge (Nasheed) oder Koranlesungen hören – alles Praktiken, die vom Personal als ausserhalb des medizinischen Rahmens stehend empfunden werden. Durch ihre Kenntnis der individuellen religiösen Überzeugungen der Patientinnen und Patienten, der kulturellen Gepflogenheiten bestimmter Familien und der medizinischen Logik verschaffen die Seelsorger:innen den spirituellen Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten Gehör und tragen dazu bei, sie mit den Anforderungen der Pflege in Einklang zu bringen.
Fazit
Diese Einsätze zeigen, dass die kulturelle und religiöse Mediation durch die muslimische Seelsorge in Genf eine Vielzahl von Situationen abdeckt: Spannungen innerhalb der Familie, Missverständnisse zwischen Angehörigen und Pflegepersonal, Anpassungen des Spitalalltags an individuelle kulturelle und religiöse Bräuche. Diese Arbeit trägt zur Qualität der Pflege bei, indem sie die Kommunikation zwischen den Parteien erleichtert und geeignete Anpassungsmöglichkeiten vorschlägt. Sie leistet somit einen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität von Patientinnen und Patienten muslimischen Glaubens und/oder muslimischer Kultur und fördert ein berufliches Klima, in dem kulturelle und religiöse Vielfalt zu einem wesentlichen Bestandteil wird.
Auf diese Weise unterstützt die muslimische Seelsorge einen ganzheitlichen Ansatz in der Pflege, der den spirituellen und kulturellen Aspekten Rechnung trägt, die zum Wohlbefinden der Patientinnen und Patienten beitragen. Indem sie die Kommunikation zwischen den Parteien erleichtert und Vorschläge für Anpassungen oder Überlegungen unterbreitet, setzt sie ihr Fachwissen ein, um die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten muslimischen Glaubens und/oder muslimischer Kultur zu verbessern und gleichzeitig zum beruflichen Klima der Teams beizutragen.
Bibliografie
Literatur
- Lang, A., Schmid, H., & Sheikhzadegan, A. (2019). Von interkulturellen Kommunikation zur transkulturellen Praxis : Fallgestützte Analysen der muslimischen Asyl- und Spitalseelsorge. Spiritual Care, 8(4), 367‑376.
- Schneuwly Purdie, M., & Robinson, C. (2025). Faire de l’aumônerie musulmane un métier. Travail et pratiques aux Hôpitaux universitaires de Genève. SZIG/CSIS-Studies 14, Fribourg : Université de Fribourg. Centre Suisse Islam et Société.
- Sheikhzadegan, A., & Schmid, H. (2025). Integration der muslimischen Seelsorge in Gesundheitseinrichtungen des Kantons Zürich. Evaluation des Pilotprojekts. SZIG/CSIS-Studies 13, Fribourg : Université de Fribourg. Centre Suisse Islam et Société.
- Uçak-Ekinci, D. (2023). Muslimische Krankenhausseelsorge bei Totgeburten. Herausforderungen und Aufgabenvielfalt. Spiritual Care, 12(4), 324‑332.
