Muslimische Spital- und Klinikseelsorge im Kanton Zürich: Ein Überblick
Einführung
Muslimische Seelsorge in öffentlichen Institutionen, sei es im Asylwesen, in den Gesundheitseinrichtungen oder im Strafvollzug, wurde jahrelang auf freiwilliger Basis praktiziert. Angeboten wurde dieser Dienst in der Regel von muslimischen Gemeinschaften, und zwar als Reaktion auf die entsprechenden Bedürfnisse ihrer Mitglieder. Aufgrund der grossen Nachfrage und des damit verbundenen zeitlichen Aufwands sowie den Erwartungen einer hohen Professionalität erweist sich eine muslimische Seelsorge auf freiwilliger Basis auf längere Sicht als unzureichend und es besteht ein Bedarf an festangestellten Seelsorgenden, die kontinuierlich in den Institutionen präsent sind.
Ein grosser Schritt zur Professionalisierung der muslimischen Seelsorge wurde beschritten, als das Staatssekretariat für Migration (SEM) 2016 ein Pilotprojekt der muslimischen Asylseelsorge im Testbetrieb Zürich lancierte. Eine weitere bedeutende Entwicklung in diese Richtung war, dass der Kanton Zürich 2017 zusammen mit der 1995 gegründeten Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ) den Verein QuaMS (Qualitätssicherung der Muslimischen Seelsorge in öffentlichen Institutionen) ins Leben rief. Diese Entscheidungen rührten von der Überlegung her, Muslim:innen als der drittgrössten Religionsgemeinschaft im Kanton Zürich ein angemessenes seelsorgliches Angebot in ihrer eigenen religiösen und kulturellen Tradition zu ermöglichen.
Die Idee der Einführung der muslimischen Seelsorge in Gesundheitseinrichtungen des Kantons Zürich entstand, nachdem der Mehrwert dieser Dienstleistung in den Bundesasylzentren (BAZ) im Rahmen verschiedener Evaluationen deutlich bestätigt worden war. Darüber hinaus hatten sich die Leitungspersonen mehrerer Spitäler sowie Vertreter:innen der katholischen und reformierten Spitalseelsorge im Vorfeld immer wieder für die Integration der muslimischen Seelsorgedienste in den Gesundheitseinrichtungen stark gemacht.
Vor diesem Hintergrund entschied sich der Kanton Zürich, im Rahmen eines Pilotprojektes zu überprüfen, ob sich muslimische Seelsorge mit Festanstellungen auch im Kontext des Spitals bewähren würde. QuaMS kam die Aufgabe zu, eine qualitativ hochwertige muslimische Seelsorge bereitzustellen und zu verantworten. Darüber hinaus sollte das Pilotprojekt wissenschaftlich evaluiert werden (Sheikhzadegan und Schmid 2025). Die Evaluation sollte herausfinden, wie sich der Prozess der Einführung muslimischer Spitalseelsorge gestaltete, ob es dabei zu Spannungen kam, welchen Mehrwert sie aufwies; wie sich die interprofessionelle und interreligiöse Zusammenarbeit vollzog, was eine erfolgreiche Integration der muslimischen Seelsorgedienste in die Gesundheitseinrichtungen des Kantons voraussetzt und ob es dazu weiteren Regelungsbedarf gibt.
Die Daten dieser formativen (d.h. prozessorientierten und begleitenden) Evaluation wurden zwischen September 2023 und September 2024 im Universitätsspital Zürich, dem Kantonsspital Winterthur und der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich erhoben. Das Datenmaterial besteht hauptsächlich aus 34 Interviews mit verschiedenen Personen, die direkt oder indirekt mit dem Pilotprojekt zu tun hatten.
Dieser Beitrag fokussiert sich auf eine kurze Diskussion von zwei Hauptfragen der Evaluation, nämlich der Frage nach dem Mehrwert dieses Angebots sowie der Frage, welche Spannungen allenfalls mit der Einführung dieser Dienste einhergingen. Am Schluss wird der Beitrag durch ein Fazit abgerundet.
Mehrwert der muslimischen Spitalseelsorge
Die Evaluation attestiert der muslimischen Spitalseelsorge einen deutlichen Mehrwert, und zwar entlang den folgenden Linien:
Mehrwert für Patient:innen
Dieses Angebot weist allen voran einen klaren Mehrwert für muslimische Patient:innen auf. Muslimische Seelsorgende nahmen sich Zeit für die Patient:innen, stellten bei ihrer Betreuungsarbeit den Menschen in den Vordergrund, betreuten neben den Patient:innen auch deren Angehörige und führten auf deren Wunsch religiöse Rituale durch. Zudem gingen sie mit der religiösen Vielfalt innerhalb des Islam sensibel um, und standen auch religionsdistanzierten oder -skeptischen sowie nicht-muslimischen Patient:innen zur Verfügung. Darüber hinaus vermittelten sie zwischen dem System „Familie“ und dem System „Krankenhaus“ und trugen damit zum besseren Verständnis zwischen den Patient:innen und deren Begleitpersonen einerseits und den für sie zuständigen Pflegenden und Ärzt:innen bei. Dieser Vermittlerrolle kam gemäss dem befragten medizinischen Personal bei ethischen Dilemmata eine besondere Bedeutung zu. Schliesslich wiesen die befragten Seelsorgeempfangenden darauf hin, dass sie die kulturelle/religiöse Nähe zwischen ihnen und den muslimischen Seelsorgenden besonders wertschätzten.
Mehrwert in gesellschaftlicher Hinsicht
Mit muslimischer Spitalseelsorge erhält die drittgrösste Religionsgemeinschaft im Kanton Zürich eine Dienstleistung in ihrer eigenen religiösen und kulturellen Tradition. Darüber hinaus signalisiert dieses Angebot, dass die legitimen Anliegen dieser Religionsgemeinschaft wahr- und ernstgenommen werden. Damit kommt diesem Angebot eine symbolische Bedeutung zu, und zwar als Zeichen der sozialen Anerkennung der Muslim:innen in diesem Kanton – dies umso mehr, als QuaMS über die VIOZ in den muslimischen Gemeinschaften fest verankert ist. Zudem kann die beachtliche Zusammenarbeit der christlichen und muslimischen Seelsorgeteams in den Gesundheitseinrichtungen der friedlichen Koexistenz der Religionsgemeinschaften nur förderlich sein. Des Weiteren hat dieses Angebot die Sichtbarkeit der Seelsorge allgemein gestärkt, was auch der christlichen Seelsorge zugutekommt.
Mehrwert in organisatorischer Hinsicht
Die Einführung einer entgeltlichen muslimischen Spitalseelsorge bedeutet ein weiterer grosser Schritt in Richtung der Professionalisierung der muslimischen Seelsorge in den Gesundheitseinrichtungen. Zudem unterstreicht dieses Angebot die Bedeutung einer Trägerschaft wie QuaMS, die für eine Qualitätssicherung dieser Dienstleistung sorgt und analog zur römisch-katholischen Körperschaft und zur evangelisch-reformierten Landeskirche als das Gegenüber der öffentlichen Hand fungiert. Die Qualitätssicherung umfasst u.a. eine akademische Fundierung der Seelsorgeausbildung, kontinuierliche fachliche Begleitung, regelmässige interne Kommunikation der Seelsorgenden, Super- und Intervision, Weiterbildung und weitere Begleitprogramme.
Mehrwert für die interprofessionelle und interreligiöse Praxis
Die Evaluation weist auch auf den Mehrwert der muslimischen Spitalseelsorge für interprofessionelle und interreligiöse Zusammenarbeit hin. Muslimische Seelsorgende integrierten sich gut in die jeweiligen Stationen, tauschten sich mit der Pflege aus und sprachen, wenn nötig mit der Ärzteschaft. Pfleger:innen und Ärzt:innen schätzten bei der Zusammenarbeit mit ihnen vor allem ihre kulturellen/religiösen Kompetenzen, ihr niederschwelliges Angebot, die Regelmässigkeit ihrer Präsenz, ihre Vermittlungsrolle, sowie ihre Betreuung der Angehörigen der Patient:innen. Die Zusammenarbeit zwischen muslimischen und christlichen Seelsorger:innen war von gegenseitiger Unterstützung geprägt. Während muslimische Seelsorger:innen von seelsorglichen Fachkenntnissen und Erfahrungen sowie Kontextkenntnissen ihrer christlichen Kolleg:innen profitierten, griffen die christlichen Seelsorger:innen immer wieder auf die kulturellen und religiösen Kompetenzen ihrer muslimischen Kolleg:innen zurück.
Spannungen in Bezug auf muslimische Spitalseelsorge
Als die muslimischen Seelsorgenden ihre Arbeit aufnahmen, mussten sowohl sie als auch die jeweiligen Stationsmitarbeitenden sich an diese Situation gewöhnen. Zudem war die Einführung der muslimischen Seelsorge offenbar nicht bis ins letzte Detail durchdacht. Dies kostete den christlichen Seelsorgenden einen nicht vorhergesehenen Mehraufwand bei der Unterstützung ihrer muslimischen Kolleg:innen. Ein christlicher Seelsorgender beschrieb diese Leistung sogar als eine «Herkulesaufgabe» (Sheikhzadegan & Schmid 2025: 19). Dies verursachte gewisse Spannungen, die aber bald vom Tisch waren: Nach wenigen Wochen arbeiteten sich die neuen Seelsorgeanbieter:innen in den Gesundheitseinrichtungen ein und wurden so zum integralen Bestandteil dieser Institutionen. Entscheidend dabei war nicht nur die Hilfeleistung der christlichen Seelsorgenden, sondern auch die Offenheit, die Flexibilität und der Enthusiasmus der muslimischen Seelsorgenden. Zum Gelingen dieses Integrationsprozesses trugen aber auch die Offenheit der Leitungspersonen und Stationsmitarbeitenden der Gesundheitseinrichtungen bei. Schliesslich war die kontinuierliche Begleitung durch die QuaMS-Verantwortlichen für diesen Integrationsprozess förderlich.
Je besser sich die muslimischen Spitalseelsorgenden in die Institutionen einlebten, desto reibungsloser gestaltete sich ihre Tätigkeit. Eine Herausforderung bestand darin, dass sich einzelne Seelsorgende in bestimmten Situationen noch nicht intensiv genug mit den institutionellen Abläufen oder spezifischen Krankheitsbildern auskannten. Dies zeigt deutlich, wie wichtig Kenntnisse der Seelsorgenden über institutionsinterne Kommunikationswege, Abläufe und Regelungen für Seelsorgende, Unternehmenskultur der jeweiligen Institution sowie elementare medizinische Kenntnisse – insbesondere in der Psychiatrie – sind.
Fazit
Die Evaluation des Pilotprojekts «Integration der muslimischen Seelsorge in Gesundheitseinrichtungen des Kantons Zürich» zeigt deutlich auf, dass sich die muslimische Seelsorge auch in diesem Feld bewährt hat. Die Studie weist nach, dass dieses Angebot einen mehrschichtigen Wert aufweist, und zwar nicht nur im Spitalalltag, sondern auch in organisationaler und gesellschaftlicher Hinsicht. Des Weiteren zeigt die Studie, dass, abgesehen von gewissen Anlaufschwierigkeiten und Spannungen zu Beginn des Pilotprojektes, die Tätigkeit der muslimischen Seelsorgenden reibungslos verlaufen ist. Am Ende macht die Evaluation auch ein Bündel von Empfehlungen, wie es mit der muslimischen Spital- und Klinikseelsorge weitergehen soll.
Bibliografie
Literatur
- Schmid, H., & Ucak-Ekinci, D. (2020). Muslime auf dem Weg des Sterbens begleiten. Universitas, 2019-2020 (1). La mort: der letzte gemeinsame Nenner. 41-43
- Sheikhzadegan, A., & Schmid, H. (2025). Integration der muslimischen Seelsorge in Gesundheitseinrichtungen des Kantons Zürich: Evaluation des Pilotprojekts. Fribourg: Schweizerisches Zentrum für Islam und Gesellschaft (SZIG) der Universität Freiburg.
- Uçak-Ekinci, D. (2025). Die Bedeutung muslimischer Krankenhausseelsorge in einer diversitätssensiblen Palliativversorgung. Spiritual Care, 14(3), 215-219.
