Radikalisierung in Frankreich und der Schweiz vorbeugen – sind öffentliche Sicherheit und soziale Intervention vereinbar?
Seit den dschihadistischen Anschlägen Mitte der 2010er-Jahre ist die Prävention der Radikalisierung zu einer politischen Priorität in Europa geworden. Wie eingreifen, ohne zu stigmatisieren, wie überwachen, ohne das Vertrauen zu zerstören, wie vorbeugen, ohne das Sozialwesen zum verlängerten Arm der Sicherheit zu machen? Mithilfe von zwei Studien, die die Autorin und der Autor jeweils in Frankreich und der Schweiz durchgeführt haben, analysiert dieser Artikel die konkreten Auswirkungen der Präventionspolitik auf die Sozialarbeit. Der Schweizer Teil bezieht sich auf eine vom Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten finanzierte Untersuchung (Eser Davolio und Rether, 2019); der französische Teil basiert unter anderem auf dem von der Agence Nationale de la Recherche finanzierten Forschungsprojekt RIGORAL (Michon, 2024).
Die gewalttätige Radikalisierung, definiert als der Prozess, in dem Individuen oder Gruppen eine extreme Ideologie annehmen, die die Anwendung von Gewalt zur Erreichung politischer, sozialer oder religiöser Ziele rechtfertigt (Neumann, 2013; Khosrokhavar, 2014), stellt eine grosse Herausforderung für die Sicherheit und den Zusammenhalt moderner Gesellschaften dar. Die entwickelten Sicherheitsstrategien und Präventionsmassnahmen konzentrieren sich jedoch weitgehend auf den islamistischen Extremismus. Die Massnahmen zur Prävention von Radikalisierung unterscheiden sich von der Terrorismusprävention dadurch, dass sie versuchen, das Phänomen zum frühestmöglichen Zeitpunkt zu bekämpfen. Diese frühzeitige Intervention bezieht folglich neue Akteure mit ein, die neben den Sicherheits- und Strafverfolgungsakteuren der Terrorismusbekämpfung auch an der Prävention von Radikalisierung beteiligt sind. In diesem Artikel werden wir uns besonders mit den Akteuren der sozialen Intervention befassen.
In Europa haben Frankreich und die Schweiz unterschiedliche Ansätze im Umgang mit Radikalisierung gewählt, die jeweils vom einzigartigen historischen, sozialen und politischen Kontext der beiden Länder geprägt sind. Da Frankreich in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Terroranschläge erlebt hat, hat das Land eine proaktive und zentralisierte Politik eingeführt, die eine Kombination aus Rechtsreform, Sicherheitsmassnahmen und einem präventiven Ansatz darstellt (Lamine, 2024). Die Schweiz hingegen, die weniger von terroristischen Vorfällen betroffen ist, bevorzugt insbesondere in den Deutschschweizer Kantonen einen eher präventiven und gemeinschaftsorientierten Ansatz, der auf einer engen Zusammenarbeit zwischen lokalen Behörden, gesellschaftlichen Akteuren und Bildungseinrichtungen beruht (Eser Davolio und Rether, 2019). Die politische Organisation der beiden Länder prägt diese Ansätze stark: Es finden sich zentralistische Ansätze in Frankreich, während die Ansätze in der Schweiz föderalistischer Natur sind. Dieser Artikel vergleicht und analysiert die Strategien zur Prävention von Radikalisierung in der Schweiz und in Frankreich; er befasst sich mit der Beteiligung von Fachpersonen der Sozialarbeit in beiden Ländern an der Begleitung, der Prävention und der Meldung von Radikalisierung.
Prävention von Radikalisierung in der Schweiz
In den Kantonen Zürich, Basel, Bern und Genf wird die Prävention der Radikalisierung hauptsächlich von den Beratungsstellen für Extremismus wahrgenommen. Diese Stellen intervenieren in einem Gleichgewicht zwischen der Anerkennung der Besonderheit der Adoleszenz als einer Zeit, die Radikalität begünstigt, und einem frühzeitigen Eingreifen. Die Beratungsstellen legen daher den Schwerpunkt auf den Dialog mit den Jugendlichen, ihren Eltern oder anderen Personen, die den Jugendlichen nahestehen, um zu klären, ob die «Symptome» auf eine Tendenz zum gewalttätigen Extremismus hindeuten. Sie berücksichtigen, dass das Alter und die Reife der jungen Menschen und Jugendlichen den Ausdruck von Radikalität begünstigen, ohne dass dies zwangsläufig zu Extremismus führt.
Die sozialen Interventionen der Beratungsstellen zielen auf folgende Themen ab: persönliche Krisen und Veränderungen der Jugendlichen oder der jungen Erwachsenen, abrupte Veränderung in sozialen Beziehungen, Abwendung von Gleichaltrigen und Rückzug, Verbundenheit zur islamistischen Ideologie, Konversion und Rekonversion mit einfordernder Religiosität, extremistische Ansichten und Äusserungen, Hassreden und gewalttätiges Verhalten (Eser Davolio und Rether, 2019, S. 36). Je nach Situation bieten die Beratungsstellen Mentoring, ressourcenorientierte Beratung für Familie und Individuum, interdisziplinäre Zusammenarbeit, Monitoring zur Unterstützung der intervenierenden Betreuungspersonen und bei Bedarf einen Anruf bei den Sicherheitsorganen oder eine Weiterleitung an geeignete Fachstellen an, wenn weitere Problematiken zu behandeln sind. Es sei darauf hingewiesen, dass die Evaluation der Interventionen (Eser Davolio und Banfi, 2023) zeigt, dass die Zusammenarbeit mit muslimischen Gemeinschaften in den Präventions- und Interventionsstrategien selten ist. Einige Beratungsstellen sehen sie als mögliche Ressourcen für religiöse und spirituelle Begleitung. Wenn aber keine Erfahrung mit einer konkreten Zusammenarbeit vorliegt, erfolgt eine Annäherung in der Regel nur zögerlich.
Soziale Intervention und Radikalisierung in Frankreich
In Frankreich werden die Akteure der sozialen Intervention auf allen drei Ebenen der öffentlichen Politik mobilisiert. Auf Ebene der Primärprävention durch die Förderung der Werte der Französischen Republik, der Laizität und des kritischen Denkens, auf Ebene der Erkennung durch die Meldung «schwacher Signale» der Radikalisierung (Puaud, 2018) und auf Ebene der Begleitung durch die meist psychologische und soziale Betreuung von Personen, die als radikalisiert eingestuft werden. Die grösste Herausforderung für die Akteure der sozialen Intervention in der öffentlichen Politik ist ihr autonomes Handeln im Rahmen einer öffentlichen Politik, in der die sicherheitsbezogenen Herausforderungen Vorrang vor den sozialen haben.
Dieses Streben nach Autonomie erfordert zunächst eine Neudefinition der Herausforderungen bei der Bekämpfung und der Prävention von Radikalisierung gemäss einem Verständnis der sozialen Intervention. Die sicherheitsbezogene Definition des Problems – «Radikalisierung ist ein Problem der öffentlichen Sicherheit, das repressiv angegangen werden muss» – wird daher von Fachpersonen der sozialen Arbeit mit einer alternativen Definition gekontert: «Radikalisierung ist ein Problem der Verletzlichkeit, das eine Begleitung erfordert.» In beiden Fällen wird das Problem erkannt, aber die Rechtfertigung für das öffentliche Handeln ist anders gelagert.
Diese Neudefinition des Problems geht auch mit einer Kritik an der Fokussierung auf den Islam einher. Dieser Aspekt wurde im Rahmen der Untersuchung wiederholt erwähnt: «Anfangs war mir die Tatsache, dass man von islamistischer Radikalisierung spricht, etwas unangenehm, weil ich Angst hatte, dass es ein wenig stigmatisierend sein könnte … Und dass, wenn man von Radikalität spricht … Für mich ist alles, was Radikalisierung ist, die Legitimation von Gewalt für eine Sache. Sei es eine Sache, die von … Dschihadisten, Rechtsextremen oder wem auch immer getragen wird.» (Pierre, Beauftragter, Beamter im öffentlichen Dienst). Bei Treffen mit Akteuren der öffentlichen Sicherheit wurde die Rechtfertigung für die Fokussierung auf den Islam direkt mit den Terroranschlägen in Verbindung gebracht, die mehrheitlich von dschihadistischen Forderungen getragen werden. Die gesellschaftlichen Akteure schlagen ihrerseits eine breitere Definition von Radikalisierung vor, die allen sozialen Bewegungen Rechnung trägt, die über eine Ideologie die Anwendung von Gewalt rechtfertigen.
Der dritte und letzte kritische Aspekt betrifft die Beanspruchung der Werte der Französischen Republik. Auch hier wehren sich die gesellschaftlichen Akteure gegen die ausschliessliche Mobilisierung dieser Werte. Viele Fachpersonen bringen die positive Dimension des radikalen Engagements einer Jugend zum Ausdruck, die oft auf ihre unpolitische Haltung reduziert wird: «Ich weiss nicht, ob das nicht richtig ist. Radikalisierung ist auch ein Zeichen von Engagement, das vielleicht zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas zu stark ausfällt. […] Es ist die Gewalt dahinter und die Nutzung dieser Radikalität durch leicht perverse Typen, die störend sind.» (Eddy, Fachbetreuer für Prävention, Verein).
Der Schutz von Minderjährigen als Priorität
Die Untersuchung kommt zum Schluss, dass sich ein System des allgemeinen Misstrauens gebildet hat (Michon, 2024). Das auf Misstrauen basierende Berufsethos der Sicherheitsakteure kollidiert also mit demjenigen der sozialen Berufe. Das Verhältnis zwischen diesen beiden Welten ist nicht gleichberechtigt, sondern wird vom Imperativ der öffentlichen Sicherheit dominiert. «Wir haben keine gleich langen Spiesse», erklärt beispielsweise die Sozialarbeiterin Irène. Das Gefühl, durch die sicherheitsbezogenen Herausforderungen der Radikalisierung instrumentalisiert zu werden, taucht in allen Gesprächen und Beobachtungen immer wieder auf.
Das gleiche Ziel findet sich auch bei den gesellschaftlichen Akteuren in der Schweiz, nämlich Minderjährige zu begleiten und zu schützen. Zumindest in den bereits erwähnten Kantonen scheint dieses Ziel von den Sicherheitsstellen geteilt zu werden. Bei komplexen Fällen führen die Fachstellen weitere Abklärungen durch und beziehen andere Fachpersonen, die mit den betroffenen Jugendlichen arbeiten, sowie die Eltern mit ein. Dank zusätzlicher Informationen wird eine gemeinsame Analyse der Risikofaktoren durchgeführt und die bereitstehenden Ressourcen werden erfasst. Die Eltern können bei Bedarf an Fachstellen verwiesen werden. «Wir arbeiten auf Vertrauensbasis, das bleibt geschützt, auch wenn wir Anzeige erstatten müssen, sprechen wir gemeinsam darüber.» (Berater einer Fachstelle in Eser Davolio und Rether, 2019, S. 37). So berichten die meisten Fachstellen in der Schweiz von einer konstruktiven Zusammenarbeit mit der Polizei im Rahmen der Case-Management-Methode am runden Tisch, bei der die junge Person respektiert und somit eine Stigmatisierung vermieden wird. Die beteiligten Fachpersonen achten die Anonymität und den Datenschutz.
Im Bereich der sozialen Intervention stehen die Fachpersonen in beiden Ländern vor einem prekären Gleichgewicht zwischen einem «pädagogischen und erzieherischen» Ansatz, der auf die Entwicklung der Jugendlichen eingeht und ein Vertrauensverhältnis aufbaut, und einem Sicherheitsdruck, der sich auf die Gefahr des Terrorismus fokussiert. Wir können die Hypothese aufstellen, dass der bereits vor dem Auftreten der dschihadistischen Radikalisierung bestehenden Habitus der partnerschaftlichen Arbeit diese Unterschiede erklären. Während es in Frankreich das Misstrauen erschwert, die Rolle jeder und jedes Einzelnen in den Präventionsmassnahmen zu respektieren, scheinen die Beziehungen zwischen diesen Akteuren in den untersuchten Schweizer Kantonen (ZH, BE, BS und GE) harmonischer zu sein, vor allem weil es bereits Formen der Zusammenarbeit rund um den Schutz von Minderjährigen gab.
Fokus auf Radikalisierung im Zusammenhang mit dem Islam vs. Pluralität der Radikalität
Die Schweizer Beratungsstellen sind auf alle Arten von politischem und religiösem Extremismus ausgerichtet. Dieses breite Spektrum der Radikalität sollte verhindern, dass die muslimische Bevölkerung stigmatisiert wird. Dies führt dazu, dass muslimischer Extremismus zu einer Form des Extremismus unter anderen wird. Dies ermöglicht auch eine raschere Anpassung an neue, aufkommende Formen des Extremismus (Staatsverweigerung, Maskulinismus usw.). In Frankreich erklärt das Trauma, das aus den Anschlägen der Jahre 2012–2018 resultiert, sicherlich zum Teil die Fokussierung auf den Dschihadismus. Frankreichs komplexe Beziehung zu Religion und Laizität vervollständigt diese Erklärung. Daraus ergibt sich eine sehr starke soziale Polarisierung der Gesellschaft und der Fachpersonen im Bereich Soziale Arbeit. Da in der französischen Gesellschaft zahlreiche Formen der Radikalität bestehen, stellt sich die Frage nach der Fokussierung auf eine einzige dieser Formen, umso mehr bei den Akteuren der Primärprävention, die im Vorfeld agieren.
Man sollte sich davor hüten, das Schweizer Modell zu verallgemeinern oder zu idealisieren, da sich die Politik der einzelnen Kantone stark unterscheidet. Diese vergleichende Studie ermöglicht es jedoch, zu verstehen, wie unterschiedliche nationale Kontexte und vorgängige Kooperationserfahrungen ein divergierendes Verhältnis zur Radikalisierung und ihrer Prävention schaffen. Wir erachten es als notwendig, häufiger solche vergleichenden Studien durchzuführen, um einen Blick von aussen auf unsere jeweiligen nationalen Gegebenheiten zu ermöglichen.
Bibliografie
Literatur
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Cefaï, (1996). La construction des problèmes publics. Définitions de situations dans des arènes publiques. Réseaux, n°75, (S. 43–66).
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Eser Davolio, M. und Banfi, E. (2023). Swiss Islamic organisations and the challenge of radicalisation. In: Banfi, Elisa; Gianni, Matteo, (Hrsg.), Islamic Organisations in Western Switzerland. Zürich: Seismo. S. 191–210. https://doi.org/10.33058/seismo.30743
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Eser Davolio, M. und Rether, A. (2019). Prävention und Intervention. In Eser Davolio, M.; Schneuwly Purdie, M.; Merz, F.; Rether, A. und Saal, J. (Hrsg.), Aktualisierte Bestandesaufnahme und Entwicklungen dschihadistischer Radikalisierung in der Schweiz – Aufdatierung einer explorativen Studie zu Prävention und Intervention, Zürich: ETHZ und ZHAW, S. 32–48. Inhalt
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Khosrokhavar, F. (2014). Radicalisation. Paris: Edition MSH.
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Lamine, A.-S. (2024). Au-delà du séparatisme et de la radicalisation : Penser l’intensité religieuse musulmane en France. Paris: Diacritiques.
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Michon, B. (2024). Intervenir sur la radicalisation et le séparatisme. In A.-s. Lamine (Ed.), Au delà du séparatisme et de la radicalisation (S. 32–57). Paris: Diacritiques Editions.
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Neumann, P. R. (2013). The trouble with radicalization. International Affairs, 89(4), 873–893.
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Puaud, D. (2018). Le spectre de la radicalisation. L’administration sociale en temps de menace terroriste. Presses de l’EHESP.
