Was hat Jihadismus mit Männlichkeit zu tun?

In diesem Beitrag stellt Ahmed Ajil Überlegungen an zu jihadistischer Radikalisierung und Mobilisierung. Er erklärt, wieso der Rückgriff auf Religion als primären Erklärungsansatz problematisch ist, und weshalb wir mehr auf Männlichkeit blicken sollten.

Was ist «jihadistische Radikalisierung»?

Der Begriff «jihadistischer Radikalisierung» wird seit etwa 20 Jahren in Europe und Nordamerika verwendet, um über die Hinwendung zu unterschiedlichen Phänomenen zu sprechen. Mitte der 2000er ging es um die Frage, was Menschen dazu antreibt, Anschläge auf europäischem Boden durchzuführen. Zu Beginn der 2010er-Jahre bezog sich der Begriff zunehmend auf das sogenannte «Foreign Fighters»-Phänomen: Was bringt Menschen dazu, in Konfliktgebiete zu reisen, um sich kämpfenden Gruppierungen anzuschliessen, wenn diese ihren Kampf als islamisch begründet verstehen? Von Radikalisierung wird in den letzten Jahren aber vor allem auch dann gesprochen, wenn Menschen Sympathien für als terroristisch qualifizierte Organisationen wie die al-Qaida oder den selbsternannten «Islamischen Staat» (IS) entwickeln und diese im virtuellen Raum propagandistisch unterstützen.

Kognitive Verzerrungen im Umgang mit dem Phänomen: Der Fokus auf Religion

In der Analyse des Phänomens treffen wir in medialen, politischen, aber auch akademischen Diskursen häufig auf ein Erklärungsmuster, das die Ursachen von Jihadismus in einem bestimmten, problematischen Islamverständnis verortet. Die kritischen Terrorismusstudien bemängeln, dass der Fokus auf Religion andere Faktoren ausblendet, wie etwa soziale Deprivation und politische Marginalisierung. Zudem werde wichtiges historisches Wissen über Radikalisierungsprozesse unsichtbar gemacht (Richard Jackson (2012) spricht von «unterdrücktem Wissen» (subjugated knowledges)).

Es handelt sich hierbei um einen hegemonialen Diskurs, der jihadistische Radikalisierung primär religiös erklärt. Bei anderen Formen von Extremismus und Gewalt wie z.B. Rechtsextremismus und weiss-suprematistischem Terrorismus werden mehr Nuancen zugelassen und soziostrukturelle Faktoren sowie individuelle psychische Auffälligkeiten berücksichtigt (Abbas 2019).

Das Ungerechtigkeitsgefühl als Kern von Radikalisierungsprozessen: wieso es genderspezifisch erfasst werden muss

Im Rahmen meiner Forschungsarbeiten habe ich mich über die letzten Jahre intensiv mit Jihadismus auseinandergesetzt, insbesondere mit Menschen, die sich zu Gruppierungen wie der Al-Qaïda oder dem IS hingezogen fühlen, deren Handlungen befürworten und sich für sie sogar engagieren. In diesem Zusammenhang habe ich Dutzende Interviews geführt und Menschen jahrelang immer wieder befragt. Dieses Vorhaben setze ich im Rahmen eines EU-geförderten Forschungsprojekts an der Universität Luzern fort.

Heute steht für mich klar, dass die Auseinandersetzung mit Männlichkeit ein weitaus fruchtbarerer und phänomenübergreifend wirksamerer Ansatz für den Umgang mit Radikalisierungsprozessen ist als der ausschliessliche Fokus auf Religion.

Um das zu verstehen, müssen wir zuerst ausholen: Jihadismus muss zuerst politisiert werden. In der Forschung, die das Phänomen «religionisiert» wird gleichzeitig «de-politisiert» (Ajil 2023, Silva 2018, Mohamedou 2017). Diese «Religionisierung» führt dazu, dass wir die politischen Ursachen tendenziell vernachlässigen. Gruppierungen wie die Al-Qaïda und der «IS» sind inhärent politisch: Sie entstanden als Antwort auf imperialistische Gewalt in Afghanistan und im Irak. Die Mobilisierung tausender Foreign Fighters für jihadistische Gruppierungen war aus politischer Sicht eine Antwort auf das Leiden der Zivilbevölkerung durch den Diktator Bashar al-Assad und die Handlungsunfähigkeit der Weltgemeinschaft. Die Sichtbarkeit dieses Leidens wurde durch die sozialen Medien verstärkt. Dass diese Mobilisierung durch diverse Gruppen religiös legitimiert wurde (mit dem bewaffneten Jihad als «Fard-ul-‘ayn) als religiöse Pflicht aller Muslime), reicht nicht aus, um deren politische Dimension auszublenden.

Das Gefühl der Ungerechtigkeit ist daher zentral für Radikalisierungsprozesse: Das Leiden einer bestimmten Menschengruppe, im Falle der obengenannten Gruppierungen sunnitische Muslim:innen, wird in den Fokus gerückt (Ajil 2022). An dieser Stelle beobachten wir bereits eine genderspezifische Dimension: Das Leiden von Frauen und Kindern wird besonders hervorgehoben. Dieses Leiden wird auch propagandistisch so verwertet, weil es eben spezifisch Männer anspricht und bei ihnen Scham auslöst. Wie z.B. bei Matteo, einem Mann, der nach Syrien reiste, und IS-Sympathien hegte, und seine Radikalisierung in einem Interview, welches ich mit ihm 2021 führte, folgendermassen beschrieb:

«Ich erinnere mich an ein Video, da schaute eine Frau direkt in die Kamera und sagte: ‘Wo bleibt ihr Männer? Wenn ihr schon nicht kämpft, dann schickt uns wenigstens Anti-Baby-Pillen, damit wir nicht schwanger werden, wenn uns die Assad-Schergen vergewaltigen’. Mein Blut kochte und ich hielt es auf meinem Stuhl kaum aus»

Mit dem Fokus auf die Gewalt, insbesondere sexuelle Gewalt, die Frauen und Kindern widerfährt, werden Hebel in Gang gesetzt, etwa Scham und Schuld, die bei männlich sozialisierten Menschen besonders wirken – vor allem dann, wenn sie sich mit einer sehr konservativen religiösen Auslegung identifizieren, die die «Ehre» des Mannes an der «Reinheit» des weiblichen Körpers festmacht (Ingram & Campion, 2026). Ein Angriff auf den weiblichen Körper führt sodann zu einem Gefühl der «Entmännlichung», wie es der tunesisch-französische Psychanalytiker Fethi Benslama beschreibt (2016).

Anküpfungspunkte an Mainstream-Narrativen

Die Antwort auf diese Gefühle ist eine kombattante, militarisierte Männlichkeit, wie sie auch in Propagandamaterialien dieser Gruppierungen spezifisch bewirtschaftet und unterstrichen wird. Wichtig ist dabei zu betonen:  Sie ist nicht spezifisch islamisch, sondern wird auch durch Vorstellungen traditioneller, harter Männlichkeit im Mainstream-Diskurs genährt. Das zentrale Argument ist, dass Jihadismus nicht in einem Vakuum entsteht, sondern anknüpft an ideologische Bausteine, die gesellschaftlich breit abgestützt wird.

In einem offiziellen Bericht der Studienkommission Sicherheitspolitik vom August 2024 wird zum Beispiel hervorgehoben, dass der Gesellschaft bewusst gemacht werden müsse, dass der «Wehrwillen» gestärkt werden müsse, damit man nicht zu «wehrlosen Opfern zwischenstaatlicher Aggression» wird. In einer «postheroischen Gesellschaft» sei die Bereitschaft, die Schweiz zu verteidigen, also «zu kämpfen, zu töten, und zu sterben – alles andere als selbstverständlich» (p. 49).  Genau diese Kampfbereitschaft wird in jihadistischer Propaganda von muslimischen Männern verlangt.

Diese Bereitschaft, zu kämpfen, zu töten, und zu sterben, entspringt zudem unmittelbar einer Vorstellung restriktiv-dominanter Männlichkeit, die gemäss einer jüngst veröffentlichten Studie der Universität Zürich unter jungen Männern in der Schweiz stark verbreitet ist: 57% der 18-14 jährigen Männer in der Schweiz finden, dass «männliche Werte wie Stärke, Mut und Ehre“ an Bedeutung verlieren» und 35%, dass «wir nicht mehr genug richtige Männer haben, die wissen, wie man kämpft» (Ribeaud, Buzzi, Theunert, 2026, p. 22).

Bei Männern mit Migrationsgeschichte oder solchen, die von Rassifizierungsprozessen betroffen sind, lässt sich zudem eine Form der protestierenden Männlichkeit (Connell, Messerschmidt, 2005) feststellen, die das Versprechen der hegemonialen Männlichkeit über Gewalt und Härte für sich beanspruchen möchte. Auch dort sind stereotypische kombattante Männlichkeitsbilder besonders wirksam.

Protector-Provider-Procreator

Radikalisierungsprozesse docken also beim männlich sozialisierten Stereotypen des vermeintlichen «Beschützers» an. David Gilmore bezeichnete das als das «Protector»-Narrativ, dem der Mann genügen muss, um als «richtiger Mann» zu gelten. Zudem liesse sich gemäss Gilmore Männlichkeit auch anhand der Erwartungen ablesen, «Provider» (der Mann sorgt wirtschaftlich für sich und seine Familie) wie auch des «Procreator» (der Mann ist fruchtbar und sorgt für zahlreiche Nachfahren). Auch die letzteren beiden lassen sich bei jihadistischen Radikalisierungsprozessen feststellen.

Männer, die sich radikalisieren, grenzen sich fast immer von einer Gesellschaft ab, in der sie keinen richtigen Anschluss finden. Sowohl von ihrer Ausbildung her als auch beruflich stehen sie häufig auf wackligen Beinen und können das Versprechen, ein Versorger zu sein, mit legitimen Mitteln nicht erfüllen. Zumindest glauben sie das. Der Ausbruch aus den Konventionen durch den Anschluss an eine jihadistische Gruppierung wird sodann zur Flucht vor der Unfähigkeit, diesen Verpflichtungen nachkommen zu können. Hinzu kommt, dass Kämpfer immer wieder davon berichten, dass auch der Söldnerlohn, den sie erhalten, einen finanziellen Anreiz bietet.

Schliesslich ist traditionelle, militarisierte Männlichkeit immer auch verknüpft mit dem Versprechen von Attraktivität gegenüber Frauen. Die sogenannte «Manosphere», die auch Überschneidungen aufweist mit jihadistischen Sphären (Gottzén et al. 2026), zeigt dies sehr eindrücklich auf: Männer glauben, dass emotionale Härte und physische Stärke attraktiv sind und ihnen einen Status bei Frauen sichern. Bei jihadistischer Radikalisierung kommt hinzu, dass sich diese Männer aufgrund der hochkonservativen Auslegung islamischer Dogmen versprechen, mehrere Frauen heiraten zu können. Damit wird auch das Versprechen eingelöst, durch die Radikalisierung die Rolle des «Procreators» erfüllen zu können.

Männlichkeitsideologische Radikalisierung als Brückenideologie: Das Potential für die Prävention

Die Forschung sowie politische Entscheidungsträger:innen wenden sich immer mehr der Frage zu, wie Vorstellungen von Männlichkeit gewaltlegitimierende Einstellungen fördern können und wie sie massgeblich für verschiedene Formen von Gewalt verantwortlich sind: Von Femiziden bis hin zu Kriegsverbrechen. Die Rolle der Männlichkeit bei jihadistischer Radikalisierung verdient jedoch noch mehr Aufmerksamkeit, weil sie uns nicht nur analytische Feinheit verschafft, sondern an existenziellen Ängsten der vermeintlichen «Entmännlichung» arbeitet und gleichzeitig dabei hilft, Stigmatisierungen vorzubeugen, die im Umgang mit politisch-ideologisch motivierter Gewalt kontraproduktiv sein können.

Bibliografie
Literatur
  • Abbas, T. (2019). Islamophobia and radicalisation: A vicious cycle. Hurst Publishing.

  • Benslama, F. (2016). Un furieux désir de sacrifice. Le surmusulman. Média Diffusion.

  • Bericht der Studienkommission Sicherheitspolitik, 08.2024: admin.ch/de/nsb?id=102256

  • Ajil, A. (2022). Politico-ideological mobilisation and violence in the Arab World: All in. Routledge.

  • Ajil, A. (2023). Decolonizing terrorism: Racist pre-crime, cheap orientalism, and the Taqiya* trap. In The Routledge international handbook on decolonizing justice (pp. 202-212). Routledge.

  • Connell, R. W., & Messerschmidt, J. W. (2005). Hegemonic masculinity: Rethinking the concept. Gender & society19(6), 829-859.

  • Ingram, K. M., & Campion, K. (2026). Of heroes and mothers: Locating gender in ideological narratives of Salafi-jihadist and extreme right propaganda. Studies in Conflict & Terrorism49(6), 880-906.

  • Gottzén, L., Fangen, K., & Qvotrup Jensen, S. (2026). Masculinity, masculinist politics, and political extremism. Journal of Gender Studies, 1–7. https://doi.org/10.1080/09589236.2026.2654169

  • Mohamedou, M. M. O. (2017). A theory of ISIS: Political violence and the transformation of the global order. Pluto Books.

  • Jackson, R. (2012). Unknown knowns: the subjugated knowledge of terrorism studies. Critical Studies on Terrorism5(1), 11–29. https://doi.org/10.1080/17539153.2012.659907

  • Ribeaud, D., Buzzi, A.-L., & Theunert, M. (2026). Männlichkeit im Wandel: Einstellungen, Lebensformen, Sexualität, Partnerschaft und Gewalt. Ergebnisse einer repräsentativen Befragung in der Schweiz. Jacobs Center for Productive Youth Development, University of Zurich. https://www.jacobscenter.uzh.ch/de/research/zproso/miw.html

  • Silva, D. M. (2018). ‘Radicalisation: the journey of a concept’, revisited. Race & Class59(4), 34-53.

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Ahmed Ajil

Ahmed Ajil ist Kriminologe und arbeitet unter anderem rechtssoziologisch. Seine Forschungsinteressen beinhalten politische Mobilisierung und Radikalisierung im Zusammenhang mit Konflikten in der arabischen Welt, Terrorismusbekämpfung allgemein und spezifisch in der Schweiz, Migration und Sicherheit, Gefängnisse und Polizei, sowie Kolonialitäten in der Forschung und der Kriminalpolitik. Er erforscht in einem SNF-Projekt aktuell am Religionswissenschaftlichen Seminar der Universität Luzern den Wandel von Religiosität infolge von Fluchterfahrungen am Beispiel syrischer Geflüchteter in der Schweiz.

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