Alt werden in der Schweiz als Muslim, als Muslimin
Als Muslim, als Muslimin in der Schweiz den Lebensabend zu verbringen, stellt die Einzelnen wie ihre Angehörigen vor Herausforderungen: Einmal mehr betreten sie Neuland. Doch auch die Institutionen und die Religionsgemeinschaften sollten ihren Blick erweitern.
Die muslimische Bevölkerung der Schweiz altert – und mit ihr verändern sich Vorstellungen von Familie, Fürsorge und religiöser Praxis. Während viele Angehörige der ersten Migrantinnen- und Migrantengeneration seit Jahrzehnten im Land leben und nun das Erwerbsleben hinter sich haben, ist die Situation ihrer Kinder in derselben Gesellschaft anders: Individualisierung und Mobilität sind für sie selbstverständlich. Dies stellt Familien und staatliche Strukturen vor neue Fragen: Wie lässt sich familiäre Verantwortung mit zeitgemässen Lebensbedingungen vereinbaren? Welche Angebote gibt es für ältere Menschen mit Migrationsgeschichte, und wie können sie so gestaltet werden, dass Menschen verschiedenster kultureller Herkunft und religiöser Prägung sich angesprochen fühlen? Vor Herausforderungen stehen auch die Religionsgemeinschaften selbst, soweit sie es als ihre Aufgabe sehen, ihren Mitgliedern mit Rat und Seelsorge auch im Alter beizustehen und mit den (vielleicht nicht religiösen) Angehörigen und den Institutionen zum Thema religiöse Bedürfnisse im Alter im Gespräch zu sein.
Der Beitrag beleuchtet diese Dynamiken und zeigt auf, wie religiöse und institutionelle Ressourcen in der Schweiz zusammenwirken können, um ein würdevolles Altern zu ermöglichen. Der Anstoss hierzu ergab sich im Rahmen des Projekts «Network-Imam – Integration und gesellschaftliche Partizipation», das die wichtige Rolle muslimischer Betreuungspersonen als Vermittlerinnen und Vermittler zu verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen beleuchtete. Praxiserfahrungen teilnehmender Imame zeigten, dass ihnen die Lebensphase von Seniorinnen und Senioren aus ihren Gemeinschaften als Herausforderung sehr wohl bewusst ist. Unsicherheit besteht zum Teil noch darüber, wie sich dieser Bereich gestalten lässt. Erste Hinweise versuchte denn auch der Praxisleitfaden der im Rahmen des Projekts entstanden ist, in einem eigenen Kapitel zu geben (Mustafi et al. 2025, S. 26–29).
Familiäre Fürsorge zwischen religiöser Verpflichtung und Leben in der Schweiz
Die Sorge für ältere Menschen im Allgemeinen und die Eltern im Spezifischen gehört zu den stark verankerten Werten im Islam. Religiöse Texte betonen Barmherzigkeit, Dankbarkeit und die moralische Verantwortung gegenüber älteren Angehörigen (Qur’an 17:23–24; Qur’an 31:14). Auch für die islamische Theologin, Religionspädagogin und Seelsorgerin Yasemin Duran (2025) ist es «nicht nur eine kulturelle, sondern auch eine religiöse Pflicht […] ein Akt der Dankbarkeit und eine Art Gottesdienst», sich auf die jeweils mögliche Art um die Eltern zu kümmern und sie respektvoll zu behandeln. Für viele Seniorinnen und Senioren muslimischer Herkunft bleibt familiäre Nähe daher der erhoffte Rahmen für ihr Altwerden.
Doch nicht nur die hiesige Kultur, auch die Lebensrealitäten der heutigen mittleren Generation unterscheiden sich deutlich von jenen ihrer Eltern: Erwerbsarbeit, Pendelwege, kleinere Haushalte und steigende Wohnkosten machen es schwer oder unmöglich, die Eltern im eigenen Haushalt zu betreuen oder gar zu pflegen. Dieses Spannungsfeld zwischen kulturell und religiös geprägten Erwartungen und alltäglichen Strukturen zeigt sich auch in der Forschung zu muslimischen Familien in Europa (Ahaddour et al., 2020, p. 1003). Dabei sind sich manche Seniorinnen und Senioren durchaus bewusst, dass aufgrund ähnlicher gesellschaftlicher Entwicklungen auch im Herkunftsland die Erwartungen zunehmend schwieriger zu erfüllen sind (Ahaddour et al., 2020, p. 997)
Yasemin Duran (2025) schildert aus persönlicher Erfahrung, wie solche Spannungen in Familien sichtbar werden können und wie Angehörige versuchen, religiöse Werte der Fürsorge mit den eigenen Möglichkeiten in Einklang zu bringen. Als Gegenakzent zur koranisch untermauerten Verpflichtung zur Fürsorge und Dankbarkeit gegenüber den Eltern bringt sie das Vermeiden von Überforderung ins Spiel (das sich ebenfalls aus dem Koran begründen lässt) und zeichnet das wiederholte verständnisvolle Gespräch zwischen den Generationen als gangbaren Weg.
Über den Einzelfall hinaus sind allerdings bislang noch keine etablierten, bewährten Lösungen zu finden, sondern vielmehr Suchbewegungen zu beobachten: Manche Familien entwickeln situativ ‹hybride› Modelle, die sich aus familiären Beiträgen und professionellen Unterstützungsangeboten zusammensetzen. Diese Modelle sind nicht abgeschlossen, sondern Ausdruck eines laufenden Aushandlungsprozesses darüber, was Fürsorge unter den heutigen Bedingungen bedeuten kann. Studien zeigen, dass starke familiäre Erwartungen an die Pflege zuhause durch Angehörige häufig mit deren realen zeitlichen und sozialen Möglichkeiten kollidieren. Tezcan-Güntekin et al. (2015) beschreiben, dass Pflege von Menschen mit Migrationshintergrund überwiegend zuhause erfolgt, weil sie als «Familiensache» verstanden wird. Erst wenn die Angehörigen die Aufgabe nicht mehr bewältigen können, werden professionelle Angebote genutzt (Tezcan-Güntekin et al., 2015).
Institutionelle Landschaft: Lokale Strukturen und begrenzte Kultursensibilität
Das Zusammenspiel von privater und staatlicher Fürsorge und Unterstützung für alte Menschen ist in der Schweiz stark durch kommunale und kantonale Strukturen geprägt. Gemeinden, Sozialdienste, Gesundheitsbehörden und Spitex-Dienste spielen eine zentrale Rolle. Viele der Angebote sind gut ausgebaut, erweisen sich jedoch im Detail bisweilen als wenig kultursensibel, etwa wenn es um Essgewohnheiten, Flexibilität für religiöse Praxis oder Unsicherheiten im Umgang mit geschlechtergetrennter Pflege geht. Vergleichbare Barrieren sind beispielsweise in Studien aus Deutschland, Belgien und Norwegen beschrieben worden, insbesondere im Hinblick auf Sprache, Ernährung, religiöse Praxis und den Umgang mit Schamempfinden, all dies zusätzlich erschwert durch Sprachbarrieren (Volkert & Risch, 2017; Ahaddour et al. 2016, 1222; Sagbakken et al. 2020).
Zugleich existieren in der Schweiz bereits zahlreiche Anlauf- und Koordinationsstellen, die für ältere Menschen und Migrantinnen und Migranten relevant sind. Das Nationale Forum Alter und Migration führt seit Jahren vielfältige Programme und Projekte durch, die speziell auf die Lebenssituationen älterer Menschen mit Migrationsgeschichte ausgerichtet sind. Ergänzend dazu stellt Pro Senectute in allen Kantonen Dienstleistungen bereit, die ausdrücklich auch Seniorinnen und Senioren mit Migrationserfahrung offenstehen. Inzwischen führen in der Schweiz erste Spitex-Dienste «kultursensible» oder «transkulturelle» Pflege als eigenen spezialisierten Bereich, neben Bereichen wie Demenz, Schwangerschaft oder psychischer Erkrankung.
Zusammen zeichnen die erwähnten Akteure ein Bild einer vielfältigen Unterstützungslandschaft, die muslimische Familien bei Fragen rund um das Altern in der Schweiz zunehmend entlasten und begleiten kann. Diese Ressourcen bieten wertvolle Anknüpfungspunkte für ältere Menschen und ihre Angehörigen, werden jedoch je nach persönlicher Situation und Erfahrung noch zu wenig genutzt. Sprachliche Hürden, ungewohnte Informationswege oder das Festhalten an vertrauten Formen der Unterstützung können beeinflussen, welche Angebote für Familien zugänglich oder attraktiv erscheinen. In diesem Zusammenhang können muslimische Betreuungspersonen eine wichtige Rolle übernehmen. Durch ihre Nähe zu den Gemeinschaften und ihr Verständnis sowohl für religiöse als auch für institutionelle Kontexte können sie Zugänge erleichtern, Vertrauen stärken und auf passende Unterstützungsangebote aufmerksam machen.
Religiöse Gemeinschaften als Brücke
In der Schweiz wie in anderen europäischen Kontexten kommen hier die Moscheevereine ins Spiel. Sie sind für viele ältere Musliminnen und Muslime zentrale Orte der Zugehörigkeit. Sie bieten spirituelle Orientierung, soziale Kontakte und oftmals auch niedrigschwellige Zugänge zu Unterstützungsangeboten (Ahaddour et al., 2020). Jedoch verfügen die meisten Moscheegemeinden nicht über die personellen oder strukturellen Mittel, um systematische Seniorenarbeit zu organisieren. Sie sind auf Freiwillige angewiesen und operieren häufig am Limit. Kooperationen mit zivilgesellschaftlichen Organisationen, Integrationsstellen oder kantonalen Gesundheitsbehörden können diese Lücken teilweise schliessen – setzen aber voraus, dass Netzwerke bestehen.
Wege in die Zukunft: Pluralität anerkennen und Verantwortung teilen
Mit dem demografischen Wandel steigt der Bedarf an flexiblen, diversitätssensiblen Lösungen. Wo die Bedürfnisse erkannt werden, entstehen zugleich entsprechende Angebote. Auch für ältere Musliminnen und Muslime dürfte damit die Auswahl wachsen und ebenso die Möglichkeit, diejenigen Einrichtungen oder Dienste zu finden, die, allenfalls kombiniert mit Betreuung durch Angehörige, auch den religiösen Bedürfnissen Rechnung tragen. Studien zeigen denn auch, dass muslimische Seniorinnen und Senioren Pflegeangebote eher in Betracht ziehen, wenn Elemente ihrer Herkunftskultur wie Ernährung, religiöse Praxis oder geschlechtergetrennte Pflege darin Platz finden werden (Aşkın, 2018; Volkert & Risch, 2017), 2017).
Gleichzeitig zeigt die Forschung im Bereich Migration und Alter, dass ältere Migrantinnen und Migranten von sozialen Kontakten, Sprachzugängen und anerkennenden Strukturen profitieren. Dies gilt gerade auch für Seniorinnen und Senioren, denen ihre muslimische Identität und Praxis wichtig ist: Begegnung, religiöse Praktiken und Vertrautheit sind wesentliche Faktoren für Lebensqualität und psychisches Wohlbefinden.
Der Generationenwandel macht zudem deutlich, dass Verantwortung heute anders ausgehandelt wird als früher. Während ältere Generationen familiäre Fürsorge häufig als Teil ihrer gewohnten Lebens- und Beziehungspraxis verstehen, orientieren sich jüngere Menschen oft an Betreuungsmodellen, die stärker mit ihren beruflichen und familiären Lebenssituationen vereinbar sind. Diese Unterschiede sind nicht Ausdruck mangelnden Respekts, sondern spiegeln gesellschaftliche Veränderungen wider. Ein würdevolles Altern benötigt daher nicht nur Infrastruktur, sondern auch Dialog zwischen den Generationen.
Schluss: Würdevolles Altern als gemeinsame Aufgabe
Bei den Themen Alter und Generationenwandel treffen institutionelle Rahmenbedingungen, soziale Erwartungen und kulturelle Prägungen aufeinander. Muslimische Seniorinnen und Senioren in der Schweiz bewegen sich in einem Spannungsfeld zwischen Herkunftskulturen und einem professionellen Pflegesystem, das noch sensibler für die Vielfalt an Kulturen und Religionen werden kann, innerreligiöse Vielfalt eingeschlossen. Familien, Religionsgemeinschaften und staatliche Einrichtungen stehen gemeinsam in der Verantwortung, Bedingungen zu schaffen, die ein Altern in Würde ermöglichen – mit Raum für religiöse Praxis, für Selbstbestimmung und für neue Formen gelebter Fürsorge.
Der Blick auf die bestehenden Ressourcen zeigt, dass viele Grundlagen vorhanden sind: lokale Strukturen, zivilgesellschaftliche Angebote, religiöse Netzwerke und wissenschaftliche Erkenntnisse. Die Herausforderung der kommenden Jahre wird sein, diese Bausteine miteinander zu verbinden. Auch die internationale Forschung unterstreicht, dass würdiges Altern für muslimische Seniorinnen und Senioren ein Zusammenspiel aus religiöser Orientierung, familiären Ressourcen und zugänglichen institutionellen Angeboten voraussetzt (Ahaddour et al., 2016; Heinrich-Böll-Stiftung, 2012).
Bibliografie
Literatur
- Ahaddour, C., Van den Branden, S., & Broeckaert, B. (2016). Institutional elderly care services and Moroccan and Turkish migrants in Belgium: A literature review. Journal of Immigrant and Minority Health, 18(5), pp. 1216-1227. DOI: 10.1007/s10903-015-0247-4
- Ahaddour, C. (2018): “Surely we belong to God and to Him shall we return”. Attitudes, beliefs and practices regarding death and dying among middle-aged and elderly Moroccan Muslim women In Antwerp (Belgium), Diss. Universität Leuven. https://lirias.kuleuven.be/retrieve/d92562dd-98d5-46df-9c97-c9e9628fbf94
- Ahaddour, C., Van den Branden, S., & Broeckaert, B. (2020). “What goes around comes around”: Attitudes and practices regarding ageing and care for the elderly among Moroccan Muslim women living in Antwerp (Belgium). Journal of Religion and Health, 59(2), pp. 986-1012. DOI: 10.1007/s10943-018-0562-x
- Aşkın, B. (2018). Kultursensible Altenhilfe und Pflege in der Migrationsgesellschaft. In Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft: Grundlagen–Konzepte–Handlungsfelder. pp. 681-691. Wiesbaden: Springer. DOI: 10.1007/978-3-658-19540-3_57
- Bundesamt für Sozialversicherungen. (2023). Liste kantonaler Stellen für Fragen zur Altershilfe. https://www.bsv.admin.ch/dam/de/sd-web/ee5YVlyJCQnu/Liste%20kantonale%20Altersbeauftragte.pdf
- Duran, Y. (2025). Generationen: Verantwortung, Solidarität und Religion. https://www.religion.ch/blog/generationen-verantwortung-solidaritaet-und-religion/
- Heinrich-Böll-Stiftung. (2012). Altern in der Migrationsgesellschaft [Dossier]. https://heimatkunde.boell.de/de/dossier-altern-der-migrationsgesellschaft
- Nationales Forum Alter und Migration. (2025). Programme und Projekte. https://www.alter-migration.ch
- Pro Senectute. (2025). Unsere Dienstleistungen für Sie. https://www.prosenectute.ch/de/dienstleistungen
- Mustafi, N., Dupuis, S., Tunger-Zanetti, A. & Schmid, H. (2025). Integration und Zusammenleben: Leitfaden für muslimische Betreuungspersonen. Freiburg: Schweizerisches Zentrum für Islam und Gesellschaft, 2025. https://folia.unifr.ch/unifr/documents/333555
- Sagbakken, M., Ingebretsen, R., Spilker Storstein, R. (2020): How to adapt caring services to migration-driven diversity? A qualitative study exploring challenges and possible adjustments in the care of people living with dementia. In: PloS one 15 (12). DOI: 10.1371/journal.pone.0243803.
- Tezcan-Güntekin, H., Breckenkamp, J., & Razum, O. (2015). Pflege und Pflegeerwartungen in der Einwanderungsgesellschaft.
- Volkert, M., & Risch, R. (2017). Altenpflege für Muslime: Informationsverhalten und Akzeptanz von Pflegearrangements; im Auftrag der Deutschen Islam Konferenz.
