Die Rolle Seelsorger:innen muslimischer Religion in der Schweizer Armee
Einleitung
Warum braucht es im 21. Jahrhundert in der Schweiz denn muslimische Seelsorger:innen? Die Frage ist in einem Land, in dem Muslime nur 6 Prozent der Schweizer Bevölkerung ausmachen (BFS, 2025), berechtigt. Ursprünglich umfasste die Seelsorge ausschliesslich Seelsorger:innen der katholischen und reformierten Kirchen. Die Armeeseelsorge hat jedoch ab 2020 eine Diversifizierung ihrer Reihen eingeleitet und sich anderen christlichen Gemeinschaften geöffnet. Im Jahr 2022 erfolgte ein wichtiger Schritt mit der Integration von jüdischen und muslimischen Seelsorger:innen. Die folgende Tabelle verdeutlicht die Vielfalt der Religionszugehörigkeiten in der Armeeseelsorge im November 2025.
Diese Entwicklung lässt sich durch mehrere Faktoren erklären, die auf dem Terrain beobachtet wurden, insbesondere durch die Notwendigkeit, neue Seelsorger:innen oder neue Konfessionen zu rekrutieren. Angesichts der Pluralisierung der Glaubensformen müssen Armeeseelsorger:innen heute in der Lage sein, nicht nur verschiedene Konfessionen, sondern auch die Vielfalt innerhalb dieser zu begleiten.
Die Pluralisierung des religiösen Feldes ist nicht auf die Armee beschränkt; sie lässt sich in der gesamten Schweizer Gesellschaft beobachten und ist gut dokumentiert (Stolz et al., 2017), wie die unten stehende Grafik zeigt. Allerdings werden keine Daten zur Religionszugehörigkeit innerhalb der Armee erhoben. Es ist daher unmöglich, ein sozio-religiöses Profil der Armeeangehörigen zu erstellen.
Es ist auch schwierig anzunehmen, dass die Armee ein Spiegelbild gesellschaftlicher Trends ist, da das militärische Publikum laut EGB zu 98,4 Prozent aus Männern besteht, die durch spezifische Eignungskriterien der Rekrutierung gefiltert werden (Art. 2, 9 und 10 MG). Wir stellen daher fest, dass Armeeangehörige zwar aus der Gesellschaft stammen, diese jedoch nicht repräsentieren. Die Einführung von Seelsorger:innen neuer Konfessionen folgt keinen demografischen Quoten, sondern ist eine Reaktion auf das Auftreten konkreter, auf dem Terrain festgestellter Bedürfnisse. Zu den verschiedenen in der Armee geäusserten Bedürfnissen gehören etwa wiederkehrende Fragen zum muslimischen Glauben. Dank muslimischen Seelsorger:innen kann diesen Bedürfnissen entsprochen werden und ist gleichzeitig eine Arbeit in perfekter Übereinstimmung mit der militärischen Struktur und den Gesetzen möglich. Diese Integration ist umso relevanter, als die Armee ein kodifiziertes und vertrauliches Umfeld ist.
Basierend auf einer von Januar 2023 bis September 2024 durchgeführten Forschungsarbeit und meiner Erfahrung als Seelsorgerin in der Schweizer Armee (Ajmi 2024), zielt dieser Artikel darauf ab, zu untersuchen, wie sich die muslimischen Seelsorger:innen in eine Armeeseelsorge einfügen, die sich der spirituellen Vielfalt in der Schweiz öffnet.
Einsatz der muslimischen Seelsorger:innen
Bevor die Rolle der muslimischen Seelsorger:innen im Detail beleuchtet wird, ist es entscheidend, hervorzuheben, dass ihr Einsatz identisch ist mit demjenigen ihrer Kolleginnen und Kollegen anderer Konfessionen. Die Armeeseelsorge ist eine konfessionsunabhängige Fachstelle, die eine Begleitung in religiösen, ethischen, moralischen und existenziellen Fragen bietet. Der Einsatz beruht auf einem Milizsystem und ist somit keine berufliche Anstellung. Das bedeutet, dass die Seelsorger:innen keinen Lohn erhalten und nicht von einer Religionsgemeinschaft finanziert werden, sondern von der Armee für ihre Diensttage entschädigt werden.
Rekrutierung
Die Rekrutierung von muslimischen Seelsorger:innen folgt dem standardmässigen Auswahlverfahren der Armee. Die Seelsorger:innen müssen die Schweizer Nationalität besitzen und über eine theologische/seelsorgliche oder gleichwertige Ausbildung verfügen. Zudem muss ihre Kandidatur durch die Empfehlung einer zugehörigen Religionsgemeinschaft gestützt werden. Bei Muslim:innen fungiert die Föderation Islamischer Dachorganisationen Schweiz (FIDS) als Partnerin. Schliesslich ist eine uneingeschränkte Zustimmung zu den Grundwerten und -prinzipien der Schweizer Armee erforderlich. Dieser Punkt ist wesentlich, da die Armee den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Folglich würde eine Person, die ihre religiösen Vorstellungen über den Menschen stellen würde, als unvereinbar mit der Funktion des Seelsorgers / der Seelsorgerin beurteilt.
Der weitere Verlauf hängt vom Profil ab: Kandidat:innen, die bereits eine Rekrutenschule absolviert haben, treten direkt in den Fachdienst der Armeeseelsorge ein. Personen, die zuvor noch keinen Militärdienst geleistet haben, müssen zunächst eine verkürzte Grundausbildung durchlaufen, um sich zu akkulturieren und militärische Erfahrung zu erwerben, bevor sie Zugang zu dieser Ausbildung erhalten.
Seelsorger Begovic hatte beispielsweise keine vorherige militärische Erfahrung und musste daher zunächst eine Grundausbildung (verkürzte Rekrutenschule) in Thun absolvieren, bevor er dem Fachdienst der Seelsorge beitreten und zum Seelsorger ernannt werden konnte. Ich selbst konnte, da ich eine vollständige Rekrutenschule als Trainsoldat absolviert hatte, direkt in die Fachausbildung der Armeeseelsorge einsteigen.
Ihr Auftrag
Nach ihrer Ernennung werden die Seelsorger:innen gemäss verschiedenen Kriterien wie Sprache oder Wohnort einer Einheit zugeteilt. Es gibt verschiedene Einsatzformen. Die wichtigsten sind diejenigen in Rekrutenschulen und Wiederholungskursen. Seelsorger Begovic ist beispielsweise in einer Rekrutenschule und einer Durchdiener-Rekrutenschule[1] im Einsatz. Er muss daher eine Präsenz bis zum Ende der Dienstzeit seiner Armeeangehörigen gewährleisten, indem er Präsenztage je nach Bedarf verteilt. Bei Einsätzen in einem Wiederholungskurs verteilt sich die Präsenz der Seelsorger:innen auf vier Wochen. Sie kann daher konzentrierter sein und der Einsatz kann stärker in den täglichen Aufgaben zum Tragen kommen. Insgesamt müssen pro Jahr mindestens 15 bis 25 Einsatztage geleistet werden.
Bei einer Präsentation vor den Truppen stellt der Seelsorger / die Seelsorgerin den ersten formalen Kontakt zu Beginn der Rekrutenschule oder der Wiederholungskurse her. Diese Einführung dient dazu, die Rolle der Fachstelle zu erklären und eine Verfügbarkeit zu garantieren. Ab diesem Moment können die Armeeangehörigen während ihrer gesamten Dienstzeit Kontakt mit der Seelsorge aufnehmen. Neben dieser Verfügbarkeit auf Anfrage können die Seelsorger und Seelsorgerinnen im Alltag der Armeeangehörigen präsent sein, beispielsweise indem sie sich an Mahlzeiten oder Märschen beteiligen.
Eine der Besonderheiten der spirituellen Begleitung in der Armee besteht darin, dass die Glaubenspraxis für die Armeeangehörigen gewährleistet ist, sofern sie den Erfordernissen des Dienstes Rechnung trägt. Das bedeutet, dass der Dienstbetrieb Vorrang vor spirituellen Bedürfnissen hat. Es obliegt den einzelnen Armeeangehörigen, ihre Bedürfnisse im Voraus zu melden, um eine allfällige Organisation zu erleichtern. Ob es sich um die Messe oder das Freitagsgebet handelt, die Armeeangehörigen müssen ihren Antrag antizipieren und Flexibilität zeigen. Das Militär als Institution ist zwar starr, verfügt aber über Handlungsspielräume. Der Seelsorger oder die Seelsorgerin fungiert dann als Vermittler:in. Sein/Ihr Know-how besteht darin, in dieser internen Flexibilität feinfühlig zu wirken, um spirituellen Bedürfnissen gerecht zu werden, ohne den Dienstbetrieb jemals zu gefährden. Somit werden die spirituellen Bedürfnisse meist intern befriedigt.
Die Funktionen, die Grösse und die soziokulturelle Zusammensetzung der Einheiten variieren stark. Die Rekrutierung verteilt die Personen gemäss verschiedenen Eignungstests auf die am besten geeigneten militärischen Funktionen. Diese Segmentierung führt manchmal zu unterschiedlichen «religiösen Landschaften» je nach Einheit, mit Über- oder Unterrepräsentationen bestimmter Religionen. Die Armee ist also kein homogener «Block». Jede Einheit hat ihre eigene Kultur, und dies wirkt sich direkt auf die Armeeseelsorge aus. Wenn beispielsweise eine Rekrutenschule eine grosse Anzahl Muslim:innen zählt, könnte die Gewährung eines Urlaubs für das Freitagsgebet für alle den Dienstbetrieb gefährden. Die interne Organisation während der Freizeit stellt in einem solchen Fall eine günstigere Option dar. Wenn sich die Anfrage hingegen nur auf einen einzigen Armeeangehörigen bezieht, kann allenfalls ein kurzer Urlaub gewährt werden, da dies den Dienstablauf nicht stört. Das Gleiche gilt für Urlaubsgesuche für Ostern, Jom Kippur oder das Eid-Fest usw. Die Seelsorger:innen müssen sich in die Kultur des Waffenplatzes einleben, dabei aber den militärischen Rechtsrahmen respektieren und keine Unterscheidung nach Religion treffen.
Manchmal können Begleitungssituationen, die a priori im Zusammenhang mit dem Religiösen stehen, in Wirklichkeit ein komplexeres Bedürfnis verbergen. Der muslimische Seelsorger Begovic gibt ein konkretes Beispiel: «Wenn jemand eine religiöse Frage stellt, dann ist es nicht unbedingt eine religiöse Frage. Sondern es ist eine Frage, wo viel dahinter steht» (Ajmi, 2024, S. 66). Er gibt das Beispiel eines Rekruten, der eine Trauerphase durchläuft und ihn fragt: «Du bist muslimischer Armeeseelsorger. Sag mir, was soll ich tun?» (Ajmi, 2024, S. 66). Diese Formulierung mag den Eindruck erwecken, dass es sich um ein religiöses Bedürfnis handelt. In Wirklichkeit handelte es sich aber eher um die Bitte eines jungen Mannes, der angesichts des Todes eines nahestehenden Menschen in grosser Verwirrung war, so Begovic. Für ihn ist Religion in erster Linie eine Ressource und nicht ein einziges Prisma, das die Identität einer Person definiert.
In meinem Einsatz habe ich oft ähnliche Situationen beobachtet. «Religiöse» Anfragen decken manchmal komplexere Realitäten ab: etwa einen Todesfall, ein Gefühl des Unverständnisses oder die Schwierigkeit, sich im militärischen Umfeld zurechtzufinden. Ein Armeeangehöriger rief mich eines Tages an, um den Mangel an halal Lebensmittelrationen anzusprechen. Er begann, seinen Einsatz in der Armee infrage zu stellen, obwohl er motiviert war, zu dienen. Seine Kader ermutigten ihn, das Gespräch mit der Seelsorge zu suchen. Im Laufe des Gesprächs stellten wir fest, dass das Problem nicht halal betraf, sondern eine schwierige Anpassungsphase: Die vegetarischen Portionen (die gemäss Reglement vorgesehene Alternative für alle anderen Diäten als Fleischmahlzeiten) waren im Verhältnis zur erbrachten Leistung zu klein. Der Rekrut wusste weder, dass er an seine Bedürfnisse angepasste vegetarische Rationen verlangen konnte, noch, an wen er sich wenden sollte. Wir gelangten daher zum Schluss, dass es reichen würde, die verantwortliche Person auf dem Waffenplatz zu kontaktieren, und ich erklärte ihm die zu befolgenden Schritte.
Diese beiden Beispiele aus der Praxis zeigen, wie wichtig es ist, alle Armeeangehörigen als komplexe Individuen zu betrachten und nicht nur unter dem religiösen Blickwinkel.
Fazit
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es unzutreffend ist, von einer «muslimischen Seelsorge» in der Schweizer Armee zu sprechen, da der Dienst zur spirituellen Begleitung eine konfessionsunabhängige Fachstelle ist. Die Mitglieder der Seelsorge gehören unterschiedlichen Religionsgemeinschaften an, was sie zu Seelsorger:innen mit verschiedenen konfessionellen Zugehörigkeiten macht. Wir können daher von Seelsorger:innen muslimischer Religion sprechen, die übrigens ein militärisches Abzeichen in Form eines Halbmonds tragen[2]
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Ihr Auftrag ist identisch mit demjenigen ihrer Kolleg:innen: die Begleitung der Armeeangehörigen ohne Unterscheidung von Religion, Geschlecht oder Grad. Der Mensch wird in den Mittelpunkt gestellt, und der persönliche Glaube des Seelsorgers / der Seelsorgerin dient als Ressource für diese Begleitung.
Eine religiöse Frage kann ein komplexeres Bedürfnis bergen, ebenso wie eine weltliche Frage eine religiöse Sinnsuche verschleiern kann. Durch die Befriedigung der Bedürfnisse auf dem Terrain unterstützen die Seelsorger:innen muslimischer Konfession die Moral der Truppe und stärken die Kompetenz und das Netzwerk der Armeeseelsorge. Ihr Einsatz trägt somit unter Wahrung der Institution zu den grundlegenden Sicherheits- und Friedenszielen der Schweizer Armee bei.
[1] Christliche Seelsorger:innen tragen, ungeachtet ihrer Konfession, ein Kreuz, die jüdischen Seelsorger:innen die Gesetzestafeln.
[2] Die militärische Ausbildung wird in zwei Formen angeboten: Durchdienende absolvieren 300 Diensttage ohne Unterbruch; andere Angehörige der Armee leisten 18 bis 23 Wochen Dienst (je nach Funktion). Letztere Form beinhaltet jährliche drei- bis vierwöchige Wiederholungskurse.
Bibliografie
Literatur
- Ajmi, N.E. (2024). Les particularités de l’accompagnement spirituel à l’Aumônerie de l’armée suisse. Masterarbeit, Universität Freiburg.
- Stolz, J., Könemann, J., Schneuwly Purdie, M., Englberger, T., & Krüggeler, M. (2014). Religion und Spiritualität in der Ich-Gesellschaft: Vier Gestalten des (Un-)Glaubens. TVZ Theologischer Verlag Zürich.
Zur Vertiefung
Links
- Schweizer Armee. (16. April 2024). Entwicklung der Armeeseelsorge: Geschichtlicher Rückblick. Schweizer Armee.
- EBG, E. B. für die G. F. und M. (s. d.). Gleichstellungsstrategie 2030—Erhöhung des Frauenanteils in der Armee. Gleichstellungsstrategie 2030. Abgerufen am 13. November 2025.
- WBBU. Weisungen über die Beratung, Begleitung und Unterstützung durch die AS, den PPD A und den SDA. (2020). Weisungen 90.126 d: Schweizer Armee.
- Gruppe Verteidigung. Armeeseelsorge. (16. Mai 2024).
- MG. Bundesgesetz über die Armee und die Militärverwaltung vom 3. Februar 1995, Stand am 1. Januar 2024, SR 510.10.

