« All eyes on us »

Zeinab Ahmadi, Universität Freiburg, 2023

«Alle Augen auf uns gerichtet»

«All eyes on us», so bezeichnete eine Gesprächspartnerin muslimischen Glaubens im Rahmen eines Interviews die Phase während des medialen und gesellschaftlichen Diskurses rund um die Verhüllungsinitiative. In der Schweizer Medienlandschaft wurde erwartet, dass Muslim:innen reagieren und sich dazu positionieren. Es hätte weder Zeit noch Ressourcen gegeben, um sich auf innermuslimische Diskussionen einzulassen, um herauszuarbeiten, was diese Initiative für Muslim:innen bedeutet, beschreibt sie: «Weil wir halt angegriffen wurden mit diesen Bildern, mit diesen Klischees.»

Die Ausführungen aus diesem Interviewausschnitt decken sich mit den Erkenntnissen aus der Studie zur Qualität der Berichterstattungen über Muslim:innen in der Schweiz. Ettinger (2017) hebt darin hervor, dass Muslim:innen im Rahmen von (Gewalt)-Ereignissen im europäischen Raum sowie im Kontext politischer Kampagnen ein erhöhtes, problematisierendes mediales Interesse zuteilwird. Dabei stellt er fest, dass die Tonalität der Berichterstattung zunehmend Distanz gegenüber Muslim:innen in der Schweiz erzeugt. Die Zunahme ist insofern auch bedenklich, als dass sie zwischen 2009 und 2017 um 47% auf 69% aller untersuchten Beiträge gestiegen ist (Ettinger 2017).

Die eingangs beschriebene Perspektive einer Interviewteilnehmerin zeigt darüber hinaus aber auch auf, welche emotionalen und sozialen Auswirkungen die konzentrierte Berichterstattung auf das Leben von muslimischen Personen einerseits und auf muslimische Gemeinschaften andererseits hat. Diesem Aspekt wurde im schweizerischen Forschungskontext bisher wenig Beachtung geschenkt. Die diesem Beitrag zugrunde liegende Forschung (Ahmadi 2022) richtete daher das Hauptaugenmerk auf muslimische Subjekte. Der Fokus lag dabei auf muslimische Frauen, welche sich im Kontext der Deutschschweiz engagieren und dabei Diskurse neu aufziehen, mitgestalten und mitbestimmen. Im Folgenden werden vier Erkenntnisse der Forschung ausgeführt.

Dilemma der selektiven Wahrnehmung von Diskriminierungen

Trauer, Frustration, Angst und Wut sind Gefühle, welche im Zuge der durchgeführten Interviews immer wieder hervorgehoben wurden. Damit beschreiben die befragten Frauen die emotionale Spannung, welche sie im Kontext eines polarisierenden Umfelds in Bezug auf den medialen Islamdiskurs erleben. Sie sind stark begleitet von eigenen Auseinandersetzungen mit der Religion und den Selbst- und Fremderwartungen zu ihrem «Muslimischsein». Anknüpfend daran wurde in den Interviews eine weitere Komponente deutlich. So sei es nicht nur der Diskurs der Dominanzgesellschaft, sondern auch jener innerhalb von muslimischen Gemeinschaften, den eine Interviewpartnerin als prägend für den eigenen Handlungs- und Entscheidungsspielraum empfindet:

«In beiden Diskursräumen herrschen bestimmte Vorstellungen, wie eine Muslimin auszusehen hat, sich zu verhalten hat, zu reden hat, zu existieren hat. Und diese sind zum Teil überlappend, zum Teil total widersprüchlich. Aber wo ich die grösste Überlappung sehe, ist in der Art und Weise, wie es halt etwas ist, was von Aussen an einen herangetragen wird und nicht irgendwie Freiraum lässt für die eigene Bestimmung der Identität (…). Ich denke im innermuslimischen Kontext ist es auch einmal sehr stark so ein männlicher Blick, der das Bild dominiert oder prägt (…). Ich erlebe beides als ziemlich gewaltvoll (…).»

Die erfahrenen Zuschreibungen werden in beiden Diskursräumen als fremd und aus einer Dominanzposition heraus wirksam werdend, beschrieben. Deutlich wurde auch die Schwierigkeit, diesen Aspekt der innermuslimischen Asymmetrien öffentlich anzusprechen. Dies kann nämlich in der medialen Thematisierung auf reduktionistische Art instrumentalisiert werden, um bestehende Stereotype weiter zu zementieren. Demgegenüber findet die intersektionale Diskriminierung, welche Frauen auf struktureller Ebene in der Schweizer Gesellschaft erfahren und durch welche ihnen Türen versperrt bleiben, kaum Eingang in den medialen Diskurs.

Dabei geht es insbesondere um die Reflexion der Rahmenbedingungen, unter denen sich muslimische Frauen in den Diskurs einbringen. Dementsprechend fragt Gayatri Spivak (1988) einerseits nach dem Einfluss der Diskurse, unter welchen die «Subalternen» sprechen. Andererseits aber auch unter Einwirkung welcher Wahrnehmungsmuster und Strukturen, die Dominanzgesellschaft diese Äusserungen versteht und interpretiert. Für den Kontext muslimischer Personen in der Schweiz kann das bedeuten, dass machtkritische Perspektiven von Frauen, welche innermuslimische Strukturen kritisieren, auf muslimischer Seite sanktioniert werden können und in der Dominanzgesellschaft als Bestätigung oder Zementierung der eigenen vorgefertigten Bilder dienen können.

Themendiktat und Emanzipation aus ritualisierten Interaktionen

Das beschriebene Dilemma und die daraus entstehenden Abgrenzungszwänge erschweren die Entwicklung authentischer Narrative. Die befragten Frauen nehmen sie jedoch als Ausgangspunkt für ihren Ruf nach Emanzipation aus den zugedachten Rollen und Themen:

 «Wenn ich Jüngere frage, womit sie sich befassen würden oder was sie relevant fänden in Bezug auf ihre Lebensweisen, ihr religiöses Verständnis, merke ich, es wären ganz andere Themen als sie medial auftauchen. Und trotzdem wird man ja ständig auch auf diese Themen angesprochen und ständig wird einem auch unterstellt, dass die Themen gefälligst für einen relevant sein müssen, weil sie für die Gesamtgesellschaft relevant sind.»

Die Ausführungen der Interviewteilnehmerin zeigen auf, dass sie sich in der Position der Reagierenden festgesetzt fühlt. Dies wird von Schmid (2017) aufgenommen; er spricht in diesem Zusammenhang von ritualisierten Interaktionen in der Gesellschaft, die Machtverhältnisse reproduzieren und Muslim:innen so in ihrer reaktiven Position festhalten. In den Interviews konnten aber auch Beispiele beschrieben werden, in denen die ritualisierten Interaktionen mit der Dominanzgesellschaft durchbrochen wurden, etwa dann, wenn eigene Medienbeiträge produziert wurden. Dabei ging es nicht mehr länger nur darum Gegennarrative zu etablieren und damit wieder auf etwas zu reagieren, sondern darum eigene Geschichten in die Medienlandschaft einzubringen und dabei verschiedene Erzählperspektiven einzubeziehen.

Das Anliegen, welches diesen Prozessen unterliegt, ist es aus einer muslimischen Position heraus zu fragen, was eigentlich diskutiert werden sollte, welche Themen interessieren und welche als nicht mehr relevant erachtet werden.

Rückzug als Selbstschutz und Akt des Widerstands

Berichte über die Meidung von islambezogenen Inhalten konnten als konkrete Auswirkung in Bezug auf den Umgang mit Medien bei den Befragten identifiziert werden. Der teilweise Rückzug kann einerseits mit einer allgemeinen Überforderung durch die Masse an Informationen und andererseits mit der ständigen Problematisierung marginalisierter Positionen begründet werden. Der Rückzug beschränkt sich jedoch nicht nur auf den Konsum, sondern kann auf die Produktion von Medieninhalten ausgeweitet werden. Diskriminierende Erfahrungen, denen muslimische Frauen ausgesetzt sind, oder das begrenzte Mitspracherecht hinsichtlich der Rahmenbedingungen werden von den Befragten als Gründe genannt.

Bei der Artikulation angemessener Strategien zum Umgang mit dieser Ausgangslage spielt der Aspekt der Selbstermächtigung eine zentrale Rolle. Dabei geht es einerseits darum, einen eigenen Handlungsspielraum zu schaffen, wenn dieser nicht gegeben ist und Forderungen zu stellen. Die Selbstermächtigung zeigt sich aber auch darin, dass sich die befragten Frauen aus Selbstschutz zurückziehen können, wenn sie nicht mehr länger Teil der medialen Diskussion sein möchten. Dabei werden Grenzen aufgezeigt und damit auch Konflikte in Kauf genommen.

An dieser Stelle wird das Konzept des Integrationsparadoxes von El-Mafaalani (2020) relevant. In seiner Theorie legt er dar, warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt. Sein Ergebnis beschreibt einerseits die ausgeprägten Teilhabe- und Zugehörigkeitsansprüche als Folge «guter Integration». Andererseits weist er darauf hin, dass die Erwartungen benachteiligter Gruppen schneller steigen, als sich die Realität verbessert. Daher ist eine gute Streitkultur erforderlich, um die Gesellschaft voranzubringen.

Diversitätskompetenz üben  

Die in den Interviews gestellten Forderungen der Befragten richteten sich sowohl an Medienschaffende als auch an muslimische Akteur:innen. Im Folgenden wird Letzteres ausgeführt. Die Interviewteilnehmenden gingen in der Analyse der Potentiale in muslimischen Gemeinschaften differenziert auf eigene Handlungsmöglichkeiten ein und hinterfragten selbstkritisch, wo es Bedarf an Weiterentwicklungen gibt.

«(…)Weil das muss man schon sagen, Muslime selbst gehen auch nicht so positiv mit ihrer eigenen Vielfalt um. Sie möchten es auch probieren konform zu halten. Wir können nicht gegenüber der Öffentlichkeit und gegenüber den Medien verlangen, sie müssen unsere Diversität mehr abbilden, sondern wir müssen selbst unsere Diversität mehr abbilden. Und wir müssen eine Sprache und eine Rhetorik entwickeln, die dem eine Möglichkeit gibt.»

Hier wird das Anliegen nach einer Weiterentwicklung der Diversitätskompetenz innerhalb von muslimischen Kreisen formuliert. So sollen Muslim:innen eine Akzeptanz für ihre innere Diversität schaffen. Es sei auch wichtig, einen Umgang mit verschiedenen Meinungen innerhalb der Gemeinschaften zu pflegen und diese nach aussen hin transparent zu machen. Dafür brauche es mehr Nischen, in denen sich Muslim:innen medial betätigen und an die Öffentlichkeit gelangen können. Dies sei aber erst möglich, wenn man sich in seinen verschiedenen Teilidentitäten akzeptiert fühle und ein Grundvertrauen vorhanden sei, dass man nicht in Raster zugeordnet werde. Auf diese Weise könnte sich auch eine muslimische Lobby bilden, die sich öffentlichkeitswirksam in die Diskurse einmischt, diese kritisiert oder auch richtigstellt.

Die Ausführungen heben die Ressourcen hervor, welche die Interviewten mit der Vielfalt von muslimischen Stimmen und Positionen verbinden. Sei das, wenn muslimische Personen sich in Gremien organisieren oder wenn sie sich in den Diskurs einbringen. Sie unterstreichen dabei das Potential, welche sich für die Gesamtgesellschaft entfalten kann, wenn die Bedingungen für eine Partizipation auf Augenhöhe gegeben sind.

Die eingangs beschriebene Wahrnehmung «alle Augen auf uns gerichtet» ist für die ausgeführten Erfahrungen stets relevant. Die Positionierung, der Umgang und die Emanzipation aus bisherigen Mustern ist im Kontext einer ausgeprägten öffentlichen Dominanz von sogenannten «Islamfragen» (Behloul 2009) eine anspruchsvolle Aufgabe für die befragten Frauen. So sind die Rahmenbedingungen, unter denen sie sich äussern, einbringen und Widerstand leisten, geprägt von unterschiedlichen Anforderungen, aber auch von intersektionalen Diskriminierungen, die unter anderem aufgrund ihres Geschlechts und ihrer Religionszugehörigkeit wirksam werden.

Zentral für die Diskurse rund um die Diversitätskompetenz von Medien und der Gesamtgesellschaft sind die Auswirkungen einer pauschalen und historisch gewachsenen Abwertung, welche Muslime und insbesondere Musliminnen im Diskurs erfahren, deren «Veranderung» und Fremdmachung, sowie die konkreten Folgen auf ihr Leben und ihr Tun. Daraus ergeben sich zentrale Fragestellungen hinsichtlich Anerkennung, Zugehörigkeit und sozialen Zusammenhalt, welche es gesamtgesellschaftlich anzugehen gilt.

Literatur

Ahmadi, Z. (2022). «All eyes on us» – Zu den Auswirkungen des medialen Islamdiskurses auf das Leben muslimischer Frauen. [unveröffentlichtes Manuskript]. Philosophische Fakultät, Universität Freiburg.

Behloul, S., M. (2009). Islam-Diskurs nach 9/11. Die Mutter aller Diskurse? Zur Interdependenz von Religionsdiskurs und Religionsverständnis. In Müller Wolfgang W. (Hrsg.): Christentum und Islam. Plädoyer für den Dialog. Zürich: Theologischer Verlag Zürich, 229–268.

El-Mafaalani, A. (2020). Das Integrationsparadox. Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt. Aktualisierte und erweiterte Neuausgabe. Verlag Kiepenheuer & Witsch.

Ettinger, P. (2017). Muslime in den Medien zunehmend problematisiert. Studie zur Qualität der Berichterstattung über Muslime in der Schweiz. In Tangram (40), 69-75.

Schmid, H. (2017). Islamdebatten in einer postsäkularen Schweiz. In Bulletin Islam in der Schweiz. SAGW.

Spivak, G., C. (1988). Can the Subaltern Speak? In Nelson, G. & Grossberg, L. (Hg.), Marxism and the Interpretation of Culture. University of Illinois Press: Urbana.

Literatur

Jashari, S. (2022). Doppelkopfnews. In: Neue Schweizer Medienmacher:innen.

Shooman, Y. (2014). „… weil ihre Kultur so ist“ Narrative des antimuslimischen Rassismus. Bielefeld: Transcript Verlag.

Links

Befreie mich nicht, das kann ich schon selber! Les foulards violets (2021). Neue Wege (5) 21.