Woran glauben die Musliminnen und Muslime in der Schweiz?

Die alle fünf Jahre stattfindende Erhebung zur Sprache, Religion und Kultur (ESRK) des Bundesamtes für Statistik (BFS) befasst sich mit den sozioreligiösen Profilen der Bevölkerung der Schweiz. So hat sie Indikatoren entwickelt, die Auskunft über gläubige, agnostische und atheistische Personen geben. Die Analysen zeigen, dass die Schweizer Bevölkerung mehrheitlich dazu neigt, «an einen einzigen Gott» (40,1%) oder «an eine höhere Macht» (25,3%) zu glauben. Der Anteil der Agnostikerinnen und Agnostiker, die angeben, «nicht zu wissen, ob es einen oder mehrere Götter gibt, und nicht zu glauben, dass man das wissen kann», beträgt 17,9%, während der Anteil der Atheistinnen und Atheisten, die angeben, «weder an einen einzigen Gott noch an mehrere Götter noch an eine höhere Macht zu glauben», 15,1% beträgt. Ein Vergleich der Umfrageergebnisse von 2014 und 2019 zeigt, dass der Glaube an einen einzigen Gott nach wie vor am beliebtesten ist, aber in den letzten fünf Jahren um 6% zurückgegangen ist, während der Anteil der Agnostikerinnen und Agnostiker und Atheistinnen und Atheisten um fast 2% bzw. 4% gestiegen ist.
Glaube an einen einzigen Gott
Der Glaube an einen einzigen Gott ist besonders wichtig für Musliminnen und Muslime (92,3 %) und Mitglieder evangelikaler Kirchen (92,9 %). Auch für Katholikinnen und Katholiken (50,7%), Reformierte (39,7%) und Mitglieder anderer christlicher Gemeinschaften (68%) ist er der wichtigste Glaube. Anzumerken ist, dass auch 9,1 % der Personen ohne Religionszugehörigkeit angeben, an einen einzigen Gott zu glauben.
Wie aus der folgenden Grafik hervorgeht, sind Agnostizismus und Atheismus unter Musliminnen und Muslimen weniger verbreitet als unter Katholikinnen und Katholiken, Reformierten und Mitgliedern anderer christlicher Gemeinschaften.
Glaube an Gott oder eine höhere Macht, nach Religionszugehörigkeit
Und über Gott hinaus?
Welche anderen Glaubensformen gibt es unter den Musliminnen und Muslimen in der Schweiz? Die ESRK misst verschiedene Glaubensformen, darunter den Glauben an:
- Ein Leben nach dem Tod
- Engel oder übernatürliche Wesen, die über uns wachen
- Eine höhere Macht, die unser Schicksal beeinflusst
- Die Möglichkeit, wiedergeboren zu werden
- Die Möglichkeit, mit den Geistern der Verstorbenen Kontakt aufzunehmen
- Die heilenden oder hellseherischen Gaben gewisser Personen
- Die Evolutionstheorie als schlüssigste Erklärung für die Entstehung des Menschen
- Die Existenz einer anderen Wirklichkeit neben der materiellen Welt
Der Vergleich zwischen den Antworten von Personen, die sich als muslimisch bezeichnen, und der Gesamtbevölkerung, die befragt wurden, zeigt deutliche Unterschiede. Tatsächlich gibt es, wie in der folgenden Grafik zu sehen ist, signifikante Unterschiede in den Glaubensformen zwischen den beiden Gruppen, insbesondere in Bezug auf ein Leben nach dem Tod, Engel und Wesenheiten, die über uns wachen, und eine Form der Prädestination.
Verschiedene Glaubensformen im Vergleich zwischen muslimischer und Gesamtbevölkerung
Quelle: BFS, ESRK 2019 / © SZIG/CSIS 2022
Während also mehr als zwei Drittel der Musliminnen und Muslime (68%) «eher ja» bis «sicher ja» an ein Leben nach dem Tod glauben, antwortet weniger als die Hälfte der Gesamtbevölkerung in diesem Sinne. Noch auffälliger ist der Befund beim Glauben an Engel und übernatürliche Wesen: Die muslimischen Befragten glauben zu fast 69% daran, während sich weniger als die Hälfte der Gesamtbevölkerung in dieser Aussage wiederfindet (45,2%). Der Glaube an eine höhere Macht, die unser Schicksal beeinflusst, findet in der muslimischen Bevölkerung ebenfalls eine weitgehend positive Resonanz (72%), während es in der Gesamtstichprobe genau die Hälfte ist. Die Beliebtheit des Glaubens an einen einzigen Gott und der ersten drei Glaubensformen unter Musliminnen und Muslimen ist nicht überraschend, da sich alle vier auf eine der Säulen des islamischen Glaubens beziehen. Die sechs Grundpfeiler des islamischen Glaubens sind die Einheit Gottes, der Glaube an Gottes Propheten, seine Bücher, seine Engel, das Leben nach dem Tod, das Schicksal und das Jüngste Gericht.
Im Gegensatz dazu ähneln die Antworten der Musliminnen und Muslime denen der Gesamtbevölkerung, was den Glauben an eine Wiedergeburt, den Kontakt mit Geistern und in gewissem Masse auch die Existenz einer anderen als der materiellen Welt betrifft. Interessant ist auch, dass die Gesamtbevölkerung eher an Hellseherei und Heilung glaubt als Musliminnen und Muslime und dass der Glaube an die Evolutionstheorie in der Gesamtbevölkerung (55%) signifikant häufiger vorkommt als unter Musliminnen und Muslimen (27%).
Schlussfolgerung
Vorsichtig formuliert kann die Hypothese aufgestellt werden, dass diese Ergebnisse den Glauben an die Säulen des Islams widerspiegeln. Der Glaube an die Wiedergeburt kann als eine Infragestellung des Glaubens an ein Leben nach dem Tod in einem Jenseits verstanden werden; der Glaube an Geister, eine andere materielle Welt, Hellsehen und Heilen kann auch als ein Angriff auf das Prinzip der göttlichen Einheit gesehen werden. Diese Daten dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass fast ein Fünftel der Musliminnen und Muslime alternative Glaubensformen angibt, die nicht dem muslimischen Glaubensbekenntnis entsprechen. Damit wird einer gewissen Orthodoxie widersprochen und es werden Grenzen zu anderen Glaubensformen aufgeweicht.
Methodologie
Diese Artikel basieren auf den vom Bundesamt für Statistik (BFS) veröffentlichten Daten zur Erhebung zur Sprache, Religion und Kultur (ESRK). Die Daten für 2014 wurden aus den entsprechenden Veröffentlichungen des BFS übernommen. Die Daten für 2019 basieren einerseits auf den Publikationen des BFS, andererseits aber auch auf der Neukodierung und Analyse der Daten aus der Stichprobe zur Zugehörigkeit zu einer islamischen oder aus dem Islam hervorgegangen Gemeinschaft. Die Daten für 2019 basieren somit auf einer Stichprobe von 521 Personen, die angaben, einer islamischen Kultur oder Religion anzugehören, sowie von Personen mit einer alevitischen Religionszugehörigkeit.
Wir danken Vincent Nicoulin für seine Arbeit an den Quellendaten sowie Maïk Roth vom BFS für seine sachkundigen Ratschläge und das Korrekturlesen.
Bibliografie
Literatur
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- Dahinden, J., & Zittoun, T. (2013). Religion in Meaning Making and Boundary Work : Theoretical Explorations. Integrative Psychological and Behavioral Science, 47(2), 185‑206.
- de Flaugergues, A. (2016). Religiöse und spirituelle Praktiken und Glaubensformen in der Schweiz. Erste Ergebnisse der Erhebung zur Sprache, Religion und Kultur 2014. Bundesamt für Statistik. Neuenburg.
- de Flaugergues, A. (2018). Die Religion, eine Familiengeschichte? Analyse von Daten aus der Erhebung zur Sprache, Religion und Kultur 2014. Bundesamt für Statistik. Neuenburg.
- Roth, M., & Müller, F. (2020). Religiöse und spirituelle Praktiken und Glaubensformen in der Schweiz. Erste Ergebnisse der Erhebung zur Sprache, Religion und Kultur 2019. Bundesamt für Statistik. Neuchâtel.
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- Schneuwly Purdie, M. (2017). Dé-racialiser et complexifier la question musulmane en Suisse. Un éclairage sociodémographique. Tangram 40: Hostilité envers les musulmans, 63-66.