Die neuen Generationen von Muslim:innen in der Schweiz als Trägerschaft eines alternativen sozialen Handelns?
Dieser Artikel stützt sich auf die ersten Ergebnisse einer der Forschungsarbeiten des Projekts «Praktiken sozialer Partizipation und islamische Sozialethik» (PSOPIS), das sich mit dem sozialen Handeln muslimischer Organisationen in der Schweiz und deren Stellung im Schweizer Sozial- und Gesundheitswesen befasst.
In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren hat sich das soziale Handeln der Muslim:innen in der Schweiz erheblich weiterentwickelt. Dieser Wandel lässt sich namentlich durch eine generationsbedingte Diversifizierung der muslimischen Gemeinschaften selbst erklären. Verschiedene Generationen von Muslim:innen interagieren mit der Schweizer Gesellschaft, bauen ihre Identität auf und engagieren sich auf vielfältige Weise im gesellschaftlichen Leben.
In diesem Artikel befassen wir uns mit Organisationen, die von Muslim:innen der postmigrantischen Generationen gegründet wurden, d. h. von Personen, die in der Schweiz geboren oder aufgewachsen sind und deren Lebensläufe und Formen des Engagements sich von denen der ersten Migrantengenerationen unterscheiden, da sie sowohl in ihrer Zugehörigkeit zur Schweizer Gesellschaft als auch im familiären Migrationserbe verwurzelt sind. In der Schweiz sind muslimische Vereine seit den 1970er-Jahren im sozialen Bereich aktiv. Ihre Hauptaufgabe bestand darin, sich um die Bedürfnisse ihrer eigenen Gemeinschaften zu kümmern (Brodard, 2023). Seit rund zehn Jahren sind auf Initiative der postmigrantischen Generationen neue Organisationen entstanden. Obwohl sie sich weiterhin von den Werten des Islam inspirieren lassen, zeichnen sie sich durch eine grössere Unabhängigkeit gegenüber den traditionellen religiösen Institutionen aus und sind bestrebt, sich sowohl innerhalb ihrer Gemeinschaft als auch darüber hinaus für die Gesellschaft einzusetzen. Diese neuen Formen des Engagements ersetzen jedoch nicht die älteren Strukturen, die weiterhin eine zentrale Rolle im sozialen und religiösen Leben der muslimischen Gemeinschaften spielen. Sie ergänzen und bereichern vielmehr die bestehenden Formen der Solidarität und des sozialen Handelns. Wie viele Initiativen dieser Art es in der Schweiz gibt, ist schwer abzuschätzen. Oft handelt es sich dabei um sehr kleine, informell organisierte Strukturen, die hauptsächlich dank ehrenamtlicher Arbeit funktionieren und kaum bekannt sind.
Diese neuen Strukturen legen den Fokus auf Bürgerengagement, die Professionalisierung ihrer Dienstleistungen und ihre Anpassung an die Gegebenheiten in der Schweiz. Diese Ausrichtung ermöglicht es ihnen auch, den Erwartungen öffentlicher Institutionen leichter gerecht zu werden und Zugang zu bestimmten Finanzmitteln zu erhalten (Brodard, 2022). Diese Veränderungen verlaufen jedoch nicht ohne Schwierigkeiten, sondern können manchmal zu Spannungen führen, sowohl innerhalb der muslimischen Gemeinschaften als auch mit bestimmten öffentlichen Institutionen oder anderen Akteuren im sozialen Bereich, etwa hinsichtlich der Organisationsformen, der Ansätze im sozialen Handeln und der unterschiedlichen Vorstellungen über die Rolle muslimischer Organisationen in der Schweizer Gesellschaft.
Anderer Ansatz im sozialen Handeln
Diese muslimischen Organisationen verfolgen ein Vorgehen beim sozialen Handeln, das sich in mancher Hinsicht von den herkömmlichen institutionellen Strukturen unterscheidet und den man als alternatives soziales Handeln bezeichnen könnte. Darunter versteht man in diesem Fall Praktiken, die sich ausserhalb der traditionellen öffentlichen Strukturen entwickeln, wie beispielsweise die kantonalen Sozialdienste oder die von den Behörden beauftragten Organisationen.
Der Ansatz des alternativen sozialen Handelns misst der Mitwirkung der Betroffenen, der Solidarität vor Ort und der Stärkung der Eigenständigkeit grosse Bedeutung bei. Die Begünstigten werden nicht als blosse Hilfeempfänger betrachtet, sondern als vollwertige Akteure. Ziel ist es nicht nur, unmittelbaren Bedürfnissen zu entsprechen, sondern auch zu mehr sozialer Gerechtigkeit beizutragen (Schröder, 2024). In diesem Rahmen kann auch die religiöse oder spirituelle Dimension eine Rolle spielen, was in einem Bereich, in dem diese Fragen oft kaum thematisiert werden, bisweilen eine Besonderheit darstellt (Crisp, 2019).
Konkret stützt sich dieses soziale Handeln häufig auf Beziehungen innerhalb der Gemeinschaft und in Vereinen: gegenseitige Hilfe, Begleitung von Familien, pädagogische Aktivitäten oder psychosoziale Unterstützung. Bei diesen Arten der Intervention steht oft die Nähe im Vordergrund, und es wird versucht, den administrativen Aufwand zu begrenzen, der manchmal als gross oder entmutigend empfunden wird. Dounia Charity, eine Genfer Organisation, die 2019 von muslimischen Studierenden gegründet wurde, ist ein Beispiel für diesen Ansatz. Neben ihren humanitären Projekten im Ausland entwickelt die Organisation auch lokale Initiativen im Kanton Genf. Sie organisiert unter anderem während des Ramadans die Verteilung von Lebensmittelpaketen an Familien in prekären Lebenssituationen sowie Rundgänge, um Obdachlosen zu helfen. Für die Verteilung von Lebensmittelpaketen während des Ramadans braucht es zahlreiche Freiwillige für die Vorbereitung und die Logistik. Um jedoch die Privatsphäre und die Würde der Familien zu wahren, ist eine einzige Frau damit beauftragt, die unterstützten Familien zu ermitteln und ihnen die Pakete persönlich zu überreichen. Dank ihrer guten Kenntnis der Gegebenheiten und Herausforderungen innerhalb der Gemeinschaft fungiert sie als vertrauenswürdige Vermittlerin zwischen dem Verein und den Familien. Dieses Vorgehen verhindert, dass Menschen in prekären Lebenssituationen den Blicken von Menschen aus ihrem Umfeld oder Mitgliedern der Gemeinschaft ausgesetzt sind, und fördert gleichzeitig ein Vertrauensverhältnis sowie einen einfacheren, respektvolleren Zugang zu Hilfe. Dieser Zugang wird somit als ein Recht betrachtet, das unter Wahrung der Würde und der Selbstbestimmung der Menschen ausgeübt werden können muss. Für bestimmte Zielgruppen, namentlich für diejenigen, die Institutionen misstrauen oder Schwierigkeiten haben, Zugang zu ihnen zu erhalten, können diese Initiativen eine wertvolle Ergänzung zu den bestehenden Sozialdiensten darstellen.
Die Zakat im Dienste der lokalen Solidarität
Einige Praktiken hängen stärker direkt mit der islamischen Tradition zusammen, so etwa bei der 2020 gegründeten Schweizer Zakatstiftung (SZS)), die die Zakat sammelt und ausschliesslich in der Schweiz verteilt.
Dieses Vorgehen ist in mehrerlei Hinsicht besonders. In der Vergangenheit überwiesen in der Schweiz lebende Muslim:innen ihre Zakat oft ins Ausland, vor allem in ihre Herkunftsländer oder in Regionen, die von humanitären Krisen betroffen waren (Martens, 2014). Die SZS bevorzugt lokale Massnahmen, um in der Schweiz lebende Menschen in Not zu unterstützen. Ziel ist es, eine nachhaltige Solidaritätsdynamik zu schaffen, in der die unterstützten Menschen ihrerseits dazu beitragen können, anderen zu helfen, sobald sie sich wieder in einer stabileren Lage befinden.
Die Verteilung der Zakat kann auch eine Lösung für bestimmte Situationen bieten, wie zum Beispiel für überschuldete Menschen. In der Schweiz reichen die bestehenden Hilfsmechanismen nicht für die Rückzahlung von Schulden aus. Die Zakat kann somit eine wichtige zusätzliche Ressource darstellen. Im Gegensatz zu bestimmten Formen der Sozialhilfe, bei denen je nach Kanton ein Rückforderungsanspruch bestehen kann, ist sie zudem als solidarische Unterstützung und nicht als Schuld konzipiert.
Anhaltende Herausforderungen
Trotz ihrer Dynamik stehen muslimische Organisationen, die sich im sozialen Bereich engagieren, vor zahlreichen Herausforderungen.
Die erste Herausforderung betrifft den Wettbewerb um finanzielle Mittel und verfügbare Fördermittel, sowohl zwischen muslimischen Organisationen als auch mit anderen Akteuren aus dem sozialen Bereich. Wie bereits erwähnt, wird die Zakat nach wie vor grösstenteils ins Ausland überwiesen, weshalb sie in der Schweiz tätigen Organisationen nur relativ selten zur Verfügung steht. Diese Entscheidung widerspiegelt oft sowohl die Verbundenheit der Spender:innen mit ihrem Herkunftsland als auch die Überzeugung, dass dieser Beitrag primär den am stärksten benachteiligten Bevölkerungsgruppen zugutekommen soll, die in der Regel in Regionen der Welt leben, die weniger gut gestellt sind als die Schweiz. Der Zugang zu öffentlichen Finanzmitteln ist ebenfalls eine grosse Herausforderung. Allerdings betrifft dies nicht nur muslimische Organisationen, sondern viele Vereine und Organisationen im sozialen Bereich, die um begrenzte Ressourcen konkurrieren sowie darum, Subventionen oder Mandate zu erhalten (AvenirSocial, 2021). Hinzu kommt eine starke Abhängigkeit vom ehrenamtlichen Engagement, das mehrheitlich von Muslim:innen geleistet wird, da es oft von Werten wie Solidarität, sozialer Gerechtigkeit und gegenseitiger Hilfe geprägt ist, die der islamischen Tradition entstammen. Der Pool an Personen, die bereit sind, sich langfristig zu engagieren, bleibt somit relativ begrenzt.
Die zweite Herausforderung betrifft gewisse Grenzen des bestehenden Systems der sozialen Absicherung. Wenn eine Person etwa Sozialhilfe bezieht, können zusätzliche Einkünfte, die sie erhält – insbesondere in Form der Zakat –, von den Sozialbehörden einbezogen werden und zu einer Kürzung der ausgezahlten Leistungen führen. In solchen Situationen hat die Zakat möglicherweise eine beschränkte Wirkung, wenn sie direkt an den Empfänger ausgezahlt wird. Diese Logik des Existenzminimums kann im Widerspruch zu den Zielen bestimmter muslimischer Organisationen stehen, die in der Zakat ein Mittel sehen, einen positiven Kreislauf der Solidarität in Gang zu setzen, der es den Unterstützten ermöglicht, wieder genügend Eigenständigkeit zu erlangen, um ihrerseits anderen Menschen in Not zu helfen.
Die institutionelle Anerkennung stellt schliesslich ein drittes Hindernis dar. Zwar greifen die Behörden gelegentlich auf diese Organisationen zurück, um auf bestimmte Situationen zu reagieren – insbesondere, wenn sich die von der Sozialhilfe bereitgestellten Mittel als unzureichend erweisen –, doch bleibt diese Zusammenarbeit oft im Hintergrund. Die Partnerinstitutionen können somit verlangen, dass die auf den Websites muslimischer Organisationen veröffentlichten Erfahrungsberichte betreffend die Zusammenarbeit anonymisiert werden. Die Zusammenarbeit muslimischer Organisationen mit sozialen Einrichtungen hängt oft auch von den jeweiligen Verantwortlichen ab und kann bei Personalwechseln oder Änderungen der administrativen Prioritäten unterbrochen werden.
Auch hier gibt es nach wie vor Missverständnisse. Einige Institutionen nehmen diese Organisationen nach wie vor als Einrichtungen wahr, die ausschliesslich für Muslim:innen bestimmt sind, obwohl sich viele von ihnen an ein breiteres Publikum richten und Aktivitäten für alle anbieten.
Fazit
Soziales Handeln im muslimischen Umfeld hat eine lange Tradition, erlebt aber heute dank des Engagements neuer Generationen von Muslim:innen einen neuen Aufschwung. Zwar entwickelten bereits die ersten Generationen Formen der gegenseitigen Hilfe, die auf der gegenseitigen Nähe beruhten, doch waren diese vor allem in den Moscheen, den islamischen Zentren und den Netzwerken von Glaubensgenossen verankert. Organisationen, deren Trägerschaft die postmigrantischen Generationen sind, sind bestrebt, diese Räume der Solidarität mithilfe von Initiativen auf Quartier-, Stadt- oder gesamtgesellschaftlicher Ebene in der Schweiz zu erweitern. Indem sie Formen der gegenseitigen Hilfe anbieten, die auf Nähe, Solidarität und sozialer Gerechtigkeit basieren, tragen diese Organisationen dazu bei, die Landschaft des sozialen Handelns in der Schweiz zu bereichern.
Ihre Erfahrungen können dem sozialen Bereich als Inspirationsquelle dienen und zu einer transparenteren und nachhaltigeren Zusammenarbeit zwischen öffentlichen Institutionen und Organisationen der Zivilgesellschaft beitragen. Ihre Verankerung in bestimmten Gemeinschaften, ihre Kenntnis der Lebensrealitäten vor Ort und die spirituelle oder religiöse Kraft, die sie vermitteln können, können einen echten Mehrwert für das herkömmliche soziale Handeln darstellen.
Bibliografie
Literatur
- AvenirSocial (2021). Document de travail relatif au financement des organisations dans le domaine du travail social en Suisse.
- Brodard, B. (2022). Helping Muslims or Contributing to Society? Insights into the Paradoxes of Islamic Social Work for the Excluded. In : H. Schmid and A. Sheikzadegan (eds.). Exploring Islamic Social Work. Between Community and the Common Good. Cham: Springer.
- Brodard, B. (2023). L’action sociale musulmane en Europe. L’Harmattan.
- Crisp, B. R. (2019). Spirituality and secularity. In M. Payne & E. Reith-Hall (Eds.), The Routledge handbook of social work theory. London: Routledge.
- Martens, S. (2014). Muslim Charity in a Non-Muslim Society-the Case of Switzerland. Journal of Muslims in Europe, 3:1. 94-116.
- Schröder, C. (2024). Transformative practice in Social Work: Lessons from the global justice movements. In T. Kleibl, R.A. Abay, A. Klages & S. R. Lugo (Eds.), Decolonizing Social Work: From Theory to Transformative Practice. London: Bloomsbury Academic.
