Seelsorge-Theologie – Zur Relevanz theologischer Kompetenzen in der muslimischen Seelsorge



Esma Isis-Arnautovic, Universität Freiburg, 2024

Welche Rolle spielt eigentlich die islamische Theologie für die muslimische Seelsorgepraxis und welchen Beitrag kann sie für die Professionalisierung von Seelsorge in der Schweiz leisten?

Die muslimische Seelsorge in öffentlichen Institutionen in der Schweiz bewegt sich derzeit in einem Spannungsfeld. Während manche laizistisch, säkular oder religionskritisch orientierten Kreise einer theologischen Rückbindung von Seelsorge gegenüber skeptisch eingestellt sind, befürworten gerade holistische Medizinansätze wie auch muslimische Betroffene selbst eine explizit muslimische Seelsorge, die mitunter aus dem Reichtum einer spezifischen religiösen Tradition heraus schöpfen soll. Die Infragestellung einer fachgerechten Begleitung von vulnerablen Menschen aus Angst vor Missonierung steht hier einer kultursensiblen Haltung gegenüber, die Religion auch als Ressource zu nutzen versucht. In der gegenwärtigen Debatte, wie muslimische Seelsorge in der Schweiz kantonal organisiert werden kann und soll – etwa unter dem Dach einer bestimmten Landeskirche integriert, in interreligiösen Teams oder gar weitgehend selbständig – ist die muslimische Seelsorge herausgefordert, ihren Mehrwert und ihre Spezifika zu begründen. Denn obschon eine Reihe von seelsorglichen Bedürfnissen auch durch ein professionell geschultes, empathisches Gegenüber ganz unabhängig von seiner Religionszugehörigkeit befriedigt werden kann, existieren in belastenden Situationen zweifellos auch spezifisch religiöse Anliegen, die etwa durch christliche Seelsorger/innen nicht gedeckt werden können. Weil Theologie daher explizit und implizit, von den Seelsorgeempfängern wie auch von den Seelsorgenden, gewollt und ungewollt in die seelsorgerische Arbeit einfliessen kann, gehört sie zwingend reflektiert.

Das Projekt «Seelsorge-Theologie»

Dieser Reflexion widmet sich das Projekt «Seelsorge-Theologie» pionierhaft. Seit 2020 gemeinsam vom Verein «Qualitätssicherung der muslimischen Seelsorge in öffentlichen Institutionen im Kanton Zürich» (QuaMS) und dem Schweizerischen Zentrum für Islam und Gesellschaft (SZIG) verantwortet, begleitet das Projekt den Aufbau- und Etablierungsprozess der muslimischen Seelsorge im Kanton Zürich wissenschaftlich. Die Projektidee geht dabei auf zwei Faktoren zurück: Zum einen auf den Wunsch der Seelsorgenden nach einer Identifizierung, Fundierung und Stärkung ihrer theologischen Kompetenzen, zum anderen auf die Notwendigkeit einer Sicherstellung berufsethischer Standards für eine Profession, die bislang weitgehend über ehrenamtliches Engagement ausgeübt wurde.

Theologisch-rituelle Dimensionen in der Seelsorge

Theologische Dimensionen zeigen sich in der muslimischen Seelsorge bisweilen in verschiedenen Gesichtern, die in drei Typen, nämlich rituell, systematisch und selbstreflexiv, klassifiziert werden können. Die theologisch-rituelle Dimension tritt etwa dort zutage, wo von einem muslimischen Vater als Reaktion auf den Verlust seines schwerkranken Säuglings ein religiöses Abschiedsritual samt Totenwaschung erbeten wird. Oder dort, wo von Betroffenen oder ihren Angehörigen vor einer Therapie oder Operation eine Koranrezitation oder ein Bittgebet gewünscht wird, die Hoffnung spenden und beruhigen soll. Aber auch dort, wo muslimische Häftlinge sich ein regelmässiges Freitagsgebet mit einem Imam wünschen. Diese rituellen Angebote wie persönliche Bittgebete, Koranrezitationen, Gotteserinnerungen oder Gebete sind spezifisch islamisch und können nur von muslimischen Betreuungspersonen authentisch angeboten und vollzogen werden. Gleichzeitig unterscheidet die Möglichkeit der ritualbasierten Arbeit die Seelsorge von anderen professionellen Begleit- und Beratungsangeboten wie etwa der Psychotherapie.

Theologisch-systematische Dimensionen von Seelsorge

Die theologisch-systematische Dimension wiederum manifestiert sich insbesondere dort, wo theologische, ethische oder normative Fragestellungen aufbrechen. Dies ist etwa dann der Fall, wenn die Angehörigen eines als hirntot erklärten Patienten wissen wollen, ob die Einstellung der lebenserhaltenden Massnahmen islamisch gesehen ḥalāl (erlaubt) ist. Oder wenn die Mutter eines ertrunkenen Jungen mit ihrem Schicksal hadert und sich fragt, warum Gott das zulässt oder sogar ihre vermeintlichen Verfehlungen im Leben als Ursache dieses tragischen Vorfalls deutet. Oder auch wenn ein langjähriger Krebspatient keine weitere Chemotherapie mehr durchführen möchte und sich fragt, ob er einen Behandlungsverzicht vor Gott im Jenseits rechtfertigen kann. Menschen in Not sehen sich oftmals mit existentiellen Fragen konfrontiert, die wiederum mit weltanschaulichen – darunter auch theologischen – Ansichten eng verwoben sind.

Beispiele wie diese verdeutlichen, dass religionsbezogene Anfragen an die Seelsorge herangetragen werden, zu denen sich die Seelsorgenden verhalten müssen. Der Selbstanspruch einer professionell betriebenen muslimischen Seelsorge besteht in diesen Fällen darin, die Betroffenen und ihre Familien bestmöglich zu begleiten. Dies schliesst mit ein, dass im Gespräch personenzentriert Bedürfnisse erfragt und Handlungsoptionen für die Erfüllung dieser Bedürfnisse eruiert werden. In Konsequenz bedeutet dies auch, dass keine theologische Überzeugungsarbeit in irgendeine Richtung gleistet wird. Somit werden auch keine normativen Ratschläge erteilt und auch keine Entscheidungen abgenommen. Auf ein Anliegen, dass der theologisch-systematischen Dimension zuzuordnen ist, muss die seelsorgende Person daher keineswegs selbst auch theologisch reagieren. Denn hinter einem solchen theologisch gerahmten Fragehorizont kann sich ein emotionales Bedürfnis verbergen, dass gar nicht religiös adressiert werden muss. Wie man adäquat und professionell auf normative Anfragen reagieren kann, um weder fixe theologische Antworten zu predigen noch das geäusserte Bedürfnis nach religiöser Orientierung zu übergehen, ist eine wegweisende Schlüsselfrage, die einer vertieften Reflexion und Ausarbeitung bedarf. Diese Frage ist eminent wichtig für die muslimische Seelsorge, da sie nicht nur eine Relationierung zwischen Seelsorge und Theologie erfordert, sondern auch die Bestimmung dessen, was Theologie ist und umfasst. Das Projekt «Seelsorge-Theologie» bietet den dafür notwendigen Raum, sich diese Fragen zu stellen und anwendungsbezogen von der Praxis ausgehend herauszuarbeiten.

Theologisch-selbstreflexive Dimensionen von Seelsorge

Muslimische Seelsorgende bringen natürlicherweise unterschiedliche Glaubensbiographien, eigene Vorstellungen und damit auch persönliche Religionsauffassungen sowie theologische Prägungen mit. Da diese die seelsorgliche Arbeit beeinflussen können, müssen sie reflektiert werden. Diese theologisch-selbstreflexive Dimension der seelsorgerischen Arbeit fokussiert sich auf die eigene Haltung: Wie stehe ich persönlich zum Schwangerschaftsabbruch und welche Auswirkungen kann dies auf meine Seelsorgepraxis haben? Was brauche ich an Wissen und Werkzeugen und eine betroffene Person oder Familie professionell zu begleiten? Auf welche Ressourcen kann ich zurückgreifen, wenn mir persönlich ein Fall nahe geht? Wann kann und möchte ich kein Ritual durchführen, weil (m)eine (persönliche) Grenze überschritten wird? Da Musliminnen und Muslime ihr Muslimsein seit jeher divers ausgestalten, braucht es daher nicht nur Sensibilität gegenüber den vielfältigen Ausgestaltungsformen der zu begleitenden Personen, sondern auch eine Selbstreflexion der eigenen Weltanschauung. Denn um professionell (inter)agieren zu können, ist es notwendig, sich seiner eigenen Prägungen bewusst zu werden und diese zu reflektieren, damit sie nicht verdeckt bleiben und unbewusst Einfluss auf die seelsorgerische Tätigkeit nehmen.

Theologische Reflexion als Beitrag zur Professionalisierung

Theologische Dimensionen können folglich durch die Bitten und Anfragen der Seelsorgeempfangenden, durch die Seelsorgenden selbst oder durch deren Werkzeugkasten Eingang in die Seelsorge finden und bedürfen einer Reflexion. Auf dem Weg zur Professionalisierung der muslimischen Seelsorge wird gerade mit dieser theologischen Reflexion unterschiedlichen Anforderungen Rechnung getragen: Sie befriedigt das von den freiwillig engagierten Seelsorgenden artikulierte Bedürfnis nach theologischen Kompetenzen für eine selbstsichere Bewältigung ihrer Aufgaben. Sie ermöglicht den Seelsorgenden, die betroffenen Personen und ihre Angehörigen individuell und bedürfnisorientiert dort abzuholen, wo sie gerade in ihrem religiös-kulturellen Horizont stehen und ihnen bei Bedarf innerislamische Alternativen als Ressource mit auf den Weg zu geben. Für die öffentlich sowie säkularen Institutionen leistet es einen Beitrag zur Qualitätssicherung, indem es deren Bedenken ernst nehmend einen Diskursraum öffnet, sich seiner weltanschaulichen Prägungen und Handlungsmuster bewusst zu werden, um über die Aufgaben und Grenzen der muslimischen Seelsorge zu reflektieren und so das eigene Profil und Rollenverständnis herauszuarbeiten.

Gleichzeitig ist es wichtig zu betonen, dass die theologische Auseinandersetzung keineswegs dazu dient, die Seelsorge zu theologisieren oder religiöser zu machen. Vielmehr zielt sie darauf, die eigenen theologischen Sichtweisen zu rekonstruieren, sich der theologischen Einflüsse im eigenen Denken und Handeln bewusst zu werden, andere theologische Positionen kennenzulernen aber auch Potentiale von Theologie zu erkennen und Ressourcen aufzubauen. Denn die muslimische Seelsorge vermag einen Bedarf abzudecken, der von anderen Seelsorge- und (psychosozialen) Begleitungsangeboten nicht ohne weiteres gestillt werden kann. Dadurch besitzt sie einen Mehrwert, den es als Ressource nutzbar zu machen gilt.

Literatur

Isis-Arnautović, E. & Halilović, Abduselam (2023). Einblicke in eine theologisch moderierte Intervision. Spiritual Care 12(4): 315–323.

QuaMS (2022). Jahresbericht. Retrieved December, 12, 2023.

Uçak-Ekinci, D. (2023). Muslimische Krankenhausseelsorge bei Totgeburten. Herausforderungen und Aufgabenvielfalt. Spiritual Care 12(4): 324–332.

Tittus-Düzcan, R. (2017). Spirituelle Ressourcen für eine islamische Seelsorge. Spiritual Care 7(1): 89–93.